Autor Nachricht

<  Kreativ  ~  Klonmädchen Lena - 4.Kapitel

BeitragVerfasst: 23. Mär 2007, 13:04
BenutzeravatarBeiträge: 180Registriert: 12. Mär 2007, 14:08
Klonmädchen Lena 4.Kapitel:

Eine Woche verging. Lena lebte wie eh und je. Sie war fast immer in ihrer dunklen Kammer eingesperrt und vegetierte vor sich hin. Doch etwas war anders geworden. Die drei Wunder hatten es bewirkt. Immer wenn sie mutterseelenallein im Dunkeln saß, dachte sie an die drei unglaublichen Erlebnisse, an die liebe Umarmung Radegunds, an die frohe Botschaft der Klonfrau von der Stadtreinigung und an den tröstenden Blick des hochgewachsenen Mannes. Vor allem Letzteres bewirkte, dass sie Herzklopfen bekam. Ein Mensch, ein richtiger Mensch hatte sie das kleine armselige Klonmädchen Lena wahrgenommen, hatte ihr Beachtung geschenkt, einem künstlich gezüchteten, rechtlosen Etwas.
König war wie immer. Er verprügelte sie fast täglich und dachte sich dabei neue Gemeinheiten aus. Zum Beispiel stellte er ihr ein Stuhlbein auf den nackten Fuß und setzte sich auf den Stuhl. Das tat so weh, dass sie am liebsten laut gebrüllt hätte, doch sie verbiss sich jeden Ton, weil ihn das noch mehr angestachelt hätte. Dann hätte er sich was anderes einfallen lassen wie damals, als er ihr die Hand auf die heiße Herdplatte drückte. König hopste auf dem Stuhl auf und ab, bis es in Lenas Fuß knirschte und sie aufschrie. Dann erst gab er Ruhe. Die schlimme Verrenkung heilte über Nacht, wie alles verheilte. Lenas Körper besaß ein Schnellheilungssystem, ihre Zellen reparierten Schäden viel effizienter als bei einem normalen Menschen. Das war aber auch dafür verantwortlich, dass ihre Lebensspanne viel kürzer war als die eines Menschen.
Nach einer Woche brachte König einen der altmodischen Speicherplattenrekorder mit nach Hause. Er brauchte lange, bis er das Gerät zwischen die Hausversorgung und das Tivi angeschlossen hatte und fluchte in einem fort. Zwar hatte der Rekorder seine eigene Bedienungsanleitung gespeichert und gab ihm per Computerstimme Anweisungen, aber König verwechselte die Kabel und tippte dauernd falsche Codes ins Bedienmanual ein. Weil er sich so aufregte, musste er sich abreagieren und Lena ein bisschen verprügeln. Als das Mädchen weinend am Boden lag, ging es ihm gleich besser und er schaffte es, den Rekorder richtig anzuschließen. Danach brüllte er Lena an, ihm Spiegeleier zu machen und ihm Bier zu holen. Er legte eine Speicherplatte in den Rekorder ein und schaute den Rest des Abends Pornofilme, in denen Frauen mit sehr dicken Brüsten die komischsten Sachen mit Männern machten. Lena war froh, als er dauernd „Wow!“ rief und gierig auf den Bildschirm stierte, denn das lenkte ihn von ihr ab.
Am Tag danach jagte König Lena morgens raus und teilte ihr mit, dass sie Putztag hatte.
„Mach nur ja alles piccobello, Fräulein, sonst zieh ich dich heute Abend ab“, drohte er und schüttelte sie. „Du weißt, dass ich keine Nachlässigkeit dulde.“
„Ja“, hauchte Lena ergeben.
Als er weg war, putzte sie in Windeseile die Wohnung. Danach hatte sie Zeit, ihre geheimen kleinen Spiele zu machen. Sie hockte sich vor dem Tivibildschirm auf den Boden. Unten war ein Drahtgitter an die Wand geschraubt, in dem König altmodische Zeitschriften aus Papier aufbewahrte. Er bestand darauf, ein so genanntes „Fernsehheft“ zu abonnieren, anstatt die Programme aus dem Compunet zu ziehen. Er liebte es, in den Heftchen zu blättern und mit einem Stift die Sendungen anzustreichen, die er sich anschauen oder die er aufnehmen wollte.
Aus dem Drahtgitter ragte rechts oben ein Stückchen Draht heraus. Lena hob ihr rechtes Bein und hielt ihren nackten Fuß über diese Drahtspitze. Dann berührte sie das spitze Metall und bewegte ihre Fußsohle vorsichtig darüber hin und her. Das erzeugte ein ungeheuer starkes Kitzelgefühl und sie musste die Zähne zusammenbeißen, um weiter zu machen. Auf diese Art kitzelte sie ihre Fußsohle, bis es unerträglich wurde. Dann bekam sie ein Zucken in der Wade und musste das Bein anziehen. Gleich spielte sie das Spiel noch mal aber mit dem linken Fuß. Die ganze Zeit über schaute sie auf den Speicherplattenrekorder, der neben dem Tivi auf einem Wandbord stand. Später schob sie einen Stuhl unter die Klimmzugstange, die oben an der Küchenwand angebracht war. Dort hatte König eine zeitlang trainiert und Klimmzüge gemacht. Lena stieg auf den Stuhl, griff die Stange und ließ sich an den Händen hängen die bloßen Füße nach unten gestreckt. Sie stellte sich vor, die Gefangene von Piraten zu sein und man hatte sie am Mast eines Segelschiffes aufgehängt. Sie würde hängen bleiben, bis sie verriet, wo ihr geheimer Goldschatz vergraben lag. Lena zählte langsam bis hundert. So lange musste sie aushalten, bevor sie die Hände öffnete und sich auf den Fußboden plumpsen ließ. Auch bei diesem Spiel schielte sie immerzu nach dem Speicherplattenrekorder. Er hatte vorne ein kleines Licht, das rot glühte und anzeigte, dass er betriebsbereit war. Es sah aus wie ein bösartiges, glühendes Auge, das sie beobachtete.
Schließlich konnte Lena ihre Neugierde nicht länger bezähmen. Sie tapste ins Wohnzimmer hinein und drückte auf die „On“-Taste des Gerätes. Es piepte leise und der Rekorder erwachte summend zum Leben. Eine Tastatur flippte heraus, eine abnehmbare Fernbedienung. Lena drückte auf die Aktivatortaste und der Tivibildschirm erwachte zum Leben. Unten in einer Leiste standen die Programmkanäle, die sie mit Zifferntasten anwählen konnte. Ganz rechts stand das „Nonclone“-Symbol. Lena starrte es an wie das Kaninchen die Schlange.
„Keiner kann überwachen, welche Filme ich mir ansehe“, hatte König gesagt. „Der Empfang läuft jetzt über den Rekorder und der hat keine Verbindung mit der ÜW-Automatik. Keine Überwachung. Har-har!“
Lena schaute so lange auf das „Nonclone“-Symbol, bis ihr schwindelig wurde. Ihr Herz pochte aufgeregt. Endlich traute sie sich, das Icon anzuwählen. Das Programm auf dem Bildschirm wechselte. Lena presste die Augen zusammen und bereitete sich innerlich auf das Nonclonesignal vor, das leise Ziepen in ihrem Kopf, aber nichts geschah. Ungläubig riss sie sie Augen auf. Die ÜWa registrierte nicht, dass sie Noncloneprogramme anschaute! Gerade lief ein Beitrag über ein neues Sexmodell, einen Frauenklon, der sehr billig hergestellt wurde und der eine kurze Lebenserwartung hatte. Man sah die Körper der Klone in den Reifecontainern heranwachsen. Lena erkannte den Ort. Sie selbst war in so einem Reifecontainer hergestellt worden. Seltsamerweise erklang bei dem Anblick die bittersüße Melodie in ihrem Kopf, die sie in ihrer dunklen Kammer immer summte. Sogar den Text hörte sie, als ob ihr jemand das Lied vorsingen würde: „Nehmt Abschied Brüder, ungewiss
Ist alle Wiederkehr.
Die Zukunft liegt in Finsternis
Und macht das Herz uns schwer.“
Dann kam der Refrain: „Der Himmel wölbt sich übers Land
Ade, auf Wiedersehn!
Wir ruhen all in Gottes Hand,
Lebt wohl auf Wiedersehen.“
Einem Gedankenimpuls folgend, tippte Lena die erste Zeile des Liedes in die Suchfunktion des Speicherplattenrekorders ein. Ein blaues Licht blinkte auf und zeigte einen Filmtitel an, der sich auf der gerade eingelegten Speicherplatte befand. Lena klickte ihn an und eine schwarzweiße Filmszene wurde abgespielt. Es war Sylvester und genau um Mitternacht fingen die Menschen an zu singen. Es war ihr Lied, aber es wurde komischerweise in Englisch gesungen: „Should auld aquaintance be forgot
And never brought to mind…“
http://www.youtube.com/watch?v=4ziCP1aOODQ
http://www.youtube.com/watch?v=S6-6itGLr_Q
Das Lied zum ersten Mal im Leben laut zu hören und die Menschen singen zu sehen, machte Lena so ergriffen, dass ihr Tränen in die Augen schossen. Sie hörte es sich bis zum Ende an und drückte sofort auf „Wiederholen“. Fünfmal schaute sie sich das Filmchen an. Unten auf dem Bildschirm stand das Datum, an dem der Film gemacht worden war: 1953. Das Lied war wirklich uralt, beinahe zweihundert Jahre.
Als Lena auf den laufenden Programmkanal zurück schaltete, lief eine Doku über eine Demonstration. Lena hielt den Atem an. Es ging um Klonschützer! Die Menschen hatten sich in einem Noncloneareal versammelt und verlangten auf Transparenten Schutzgesetze für Klone. „Das sind lebende, fühlende Kreaturen genau wie wir“, sagte ein Demonstrant in die Kamera. „Es kann nicht sein, dass sie völlig recht- und schutzlos sind. Jeder kann mit ihnen anstellen, was er will. Sie werden behandelt wie eine Sache. Aber sie sind wie wir! Wir verlangen Gesetze zum Schutz der Klone, genauso wie es Tierschutzgesetze gibt.“
Lena starrte auf den Bildschirm. Sie konnte es nicht fassen. Es war tatsächlich wahr! Es gab da draußen Menschen, die sie und ihre Leidensgenossen schützen wollten! Sie erinnerte sich, wie eine heiße Hoffnung in ihr aufgeschossen war, als die Klonfrau ihr die heimliche Botschaft übermittelt hatte. Es war also Wahrheit gewesen. Hoffnung glühte in Lenas Herz auf. Jemand kümmerte sich um ihr Schicksal. Was für ein schönes Gefühl.
Lena schaltete den Rekorder aus. Sie konnte nicht länger schauen. Sie musste erst über alles nachdenken. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander wie ein aufgeregter Vogelschwarm. Sie rollte sich auf dem Sofa zu einer Kugel zusammen, hielt ihre Knie umarmt und summte leise ihr Lied. Immer wieder sah sie vor ihrem geistigen Auge den Klonschützer aus dem Tivi, wie er Schutzgesetze für Klone verlangte: „Lebende, fühlende Wesen wie wir. Schutzgesetze! Sogar Tiere sind geschützt! Klone brauchen unseren Schutz.“ So flutete es ununterbrochen durch Lenas Gehirn. Sie war ganz durcheinander und eine Hoffnung so groß wie ein Berg wuchs in ihrem kleinen Herzen.

Fortsetzung folgt


Offline Profil
BeitragVerfasst: 27. Mär 2007, 01:37
BenutzeravatarBeiträge: 2228Wohnort: Baden-WürttembergRegistriert: 22. Aug 2005, 19:12
.

Irgendwie schön das vierte Kapitel, so hoffnungsvoll.
Ich muß aber immer an ihre sehr begrenzte Lebenszeit denken
und ob sich ihr Traum frei zu sein noch erfüllt und wie lange
sie diesen genießen darf.


.



_________________
Besucht doch auch mal
www.psychologieforum.de

www.allround-forum.net

http://www.dark-village.de/
Offline Profil
BeitragVerfasst: 30. Jul 2008, 01:56
BenutzeravatarBeiträge: 878Wohnort: Hotel Mama in HessenRegistriert: 12. Mai 2007, 00:23
Das gefällt mir bisher am besten.
Die Videos gehn zwar nichtmehr, aber ich hab mal den Text bei Youtube gesucht und dieses Lied gefunden.

Ich wusste aber irgendwie schon vorher welche Molodie auf den Text passt, obwohl ich den Text vorher nicht kannte..


Offline Profil
BeitragVerfasst: 30. Jul 2008, 08:13
BenutzeravatarBeiträge: 208Wohnort: BayernRegistriert: 12. Aug 2007, 22:56
Warum ich diese Geschichte grausam finde.

Sie ist so realistisch geschrieben, so Bildhaft, das ich beim lesen mich in der Wohnung befinde und doch Ohnmächtig bin.

Sehr guter Schreibstil......!

Gruß
Ich bin´s



_________________
In Trauer um einen guten Freund.....
Offline Profil
BeitragVerfasst: 30. Jul 2008, 20:44
Beiträge: 160Registriert: 3. Mai 2008, 20:18
eine sehr schöne geschichte, vor allem sehr traurig.
schade das der schreiber scheinbar nichtmehr im Forum ist??



_________________
Der Geist formt den Körper
Offline Profil
BeitragVerfasst: 31. Jul 2008, 19:25
Beiträge: 20Registriert: 12. Mai 2008, 09:06
slaaniieeshz hat geschrieben:
eine sehr schöne geschichte, vor allem sehr traurig.
schade das der schreiber scheinbar nichtmehr im Forum ist??


Ja genau. Hat die Geschichte einfach aufgehört? Oder geht die Weiter?


Offline Profil
BeitragVerfasst: 31. Jul 2008, 23:38
BenutzeravatarBeiträge: 878Wohnort: Hotel Mama in HessenRegistriert: 12. Mai 2007, 00:23
Opernfreund hat geschrieben:
Ja genau. Hat die Geschichte einfach aufgehört? Oder geht die Weiter?

Es gibt davon 14 Teile. Die müssen nur ausgegraben werden :lol:


Offline Profil

Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach:

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde
Seite 1 von 1
7 Beiträge
Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast
Suche nach:
Ein neues Thema erstellen  Auf das Thema antworten
Gehe zu:  
Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.
cron
Girlloverforum Banner
Mache hier eine lange URL Kleiner . . .

Externe Links:
GLForum Alle Links

Annabelleigh Englisch

Seite zu deinen Favoriten hinzufügen:  IE Benutzer klicken Hier und Netscape, Firefox Benutzer drücken folgende Tasten CTRL+D

SPENDE FüR DAS GLF     Musik Video Wings of Angels (Templink)      

E-Mail Kontakt   Haftungsausschluss    Forumsnutzung-FAQ    Verhaltensregeln      25. April ist der Alice Day    Pädo FAQ