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<  Kreativ  ~  Ich habe keine Angst mehr (Teil 2)

BeitragVerfasst: 20. Jul 2007, 19:55
BenutzeravatarBeiträge: 303Registriert: 17. Jun 2007, 20:25
2.Kapitel: VERTRAULICHE GESPRÄCHE


Eine Woche verging. Maria kam jeden Abend punkt 8 Uhr auf MA-Online. Es wurde zu einem festen Ritual, dass sie ihn zuerst im Privatchat besuchte.
„Pieps?“
„Hallo Maria. Wie geht es dir?“
„Kopfweh.“
„Du Armes! Zuviel für die Schule gelernt?“
„Das auch.“ Sie erzählte ihm, dass sie öfter Kopfschmerzen habe und dann eine halbe Aspirintablette nehmen musste. „Mutti sagt, ich soll mich nicht so anstellen.“
Sie schrieb ihm, von ihrem Vater, der seiner Arbeit wegen nie Zeit für sie hatte und von ihrer Mutter, deren Ansprüche sie nicht erfüllen konnte. „Ich bin ihr zu unscheinbar. Total durchschnittlich. Ich bin ihr nicht hübsch genug, nicht reizend genug, ich kann nicht mit ihren Freundinnen Konversation machen. Ich bin ihr zu linkisch. Sie meckert praktisch ständig an mir herum.“
„Das ist aber traurig, Maria.“
„Ja. Aber ich bin nun mal hässlich. Allein meine Nase. Was für eine Gurke! Viel zu breit!“
„So schlimm? Bist du die Schwester von Pinoccio?“
„Guck mal in dein Emailfach.“
Heribert kontrollierte seine Emailadresse. Sie hatte eine Mail geschickt. Im Anhang fand er zwei Fotos. „Junge, Junge! Du hast Mut, Fräulein“, flüsterte er.
„Das sind die letzten Fotos von Onkel Wolfgang“, schrieb sie in ihrer Mail. „Aufgenommen letztes Jahr kurz nach meinem elften Geburtstag.“
Heribert schaute die Bilder an. Sie zeigten ein junges Mädchen mit schulterlangen, dunkelblonden Haaren und graublauen Augen. Die Fotos waren anscheinend mit einer unsäglichen Billigheimerkamera aufgenommen, denn der Blitz hatte die Konturen von Marias Gesicht regelrecht erschlagen. Alles war zu hell und ausgefressen. Trotzdem erkannte er genug, um Marias Aussage, sie sei hässlich zu widerlegen. Auf einem Foto lächelte sie scheu in die Kamera, auf dem anderen schaute sie fragend. Ein trauriger Zug lag um ihre Augen. Heribert fand sie sehr hübsch. Ihr Blick hatte etwas Anrührendes, besonders auf dem zweiten Bild. Er stellte sich vor, wie eine nörglerische Mutter dieses scheu dreinblickende Mädchen mit harschen Worten abkanzelte, wie die Kleine stumm da stand und traurig schaute. Plötzlich bekam er große Lust, dieses traurige Mädchen in die Arme zu nehmen und zu trösten. Heribert kehrte in den Chatroom zurück.
„Du siehst sehr hübsch aus“, schrieb er.
„Ach wo!“
„Doch. Ich finde dich schön.“
Pause.
Dann: „In echt?“
„Ja.“
„Du lügst mich an.“
„Tu ich nicht. Du bist schön.“
„Danke. Das hat noch keiner gesagt.“
„Du siehst so jung aus. Eher wie 10.“
„Die Fotos sind von letztes Jahr November und ich bin ziemlich klein für mein Alter. Aber im Moment wachse ich ganz gewaltig.“ Sie schrieb, dass sie nachts manchmal aufwachte, weil ihr die Beine wehtaten. Das seien Wachstumsschmerzen, meinte ihr Hausarzt.
„Warum muss Wachsen wehtun? Das ist doch bescheuert!“
„Ich weiß es nicht, Maria. Und du hast Recht: Es ist bescheuert.“
„Die Bilder habe ich bei Foto Denig entwickeln lassen. Ich habe den Film aus Onkel Wolfgangs kaputter Kamera geholt. Bei dem Unfall ging sie kaputt, aber der Film war noch heil.“
„Unfall?“
„Mit dem Motorrad. Im Herbst. Er ist gestorben.“
„Das tut mir leid.“
„Er fehlt mir so! Manchmal muss ich weinen, wenn ich an ihn denke. Es tut so weh, dass ich schreien könnte.“
Sie schrieb ihm von ihrem geliebten Onkel Wolfgang, dem jüngeren Bruder ihres Vaters. Wolfgang hatte Vaterstelle bei ihr angenommen, sich liebevoll um sie gekümmert, sie getröstet wenn sie Kummer hatte, sich ihre Sorgen angehört. Er hatte sie mit ins Campingwochenende genommen und war mit ihr ins Hallenbad oder den Zoo gefahren. Sie hatten viel zusammen unternommen. Im Gegensatz zu ihrem beruflich eingespannten Vater war Wolfgang immer für sie da gewesen. Er war Vaterersatz, lieber Onkel, großer Bruder und Gefährte in einem gewesen.
„Mutti mochte ihn nicht besonders. Sie schimpfte, er sei ein verantwortungsloser Taugenichts und ein Weiberheld. Die Männer sagten auf Familientreffen immer: „Ja der Wolfgang! Der lässt nichts anbrennen!“ Dann waren die Frauen immer wütend.
Aber Wolfgang hat nicht auf sie gehört. „Ich lebe mein Leben, wie ich will“, sagte er und lachte sie aus. Dann hat er mich geschnappt und wir sind mit seinem Motorrad irgendwohin gefahren. An die Mosel ins Eiscafe oder einfach irgendwohin, wo wir im Wald spazieren gingen oder auf einer Wolldecke ein Picknick machten. Er hat immer mit einer uralten Leicakamera geknipst, so ein Ding, wo man alles noch von Hand einstellen musste. Die hat er mal auf einer Fotobörse gekauft. Er sprach immer von Blende und Zeit und Lichtverhältnis. Er hat absichtlich im Internet ganz billige Filme von minderer Qualität bestellt. Er wollte so knipsen wie die berühmten Fotografen von früher, mit einfachsten Mitteln gute Fotos erschaffen, ohne Vollautomatik und hochsensible Filme. Er hat auch selber die Filme entwickelt in seinem Labor zuhause.
Ich wollte mich nie knipsen lassen und habe geschmollt, wenn er eine Aufnahme machen wollte. Dann habe ich mich immer weggedreht, die Augen zugehalten oder eine blöde Fratze geschnitten . . .“
Plötzlich brach ihr steter Buchstabenstrom ab. Heribert wartete. Als nach einer Minute nichts kam, schrieb er sie an: „Maria? Was ist denn?“
Schweigen.
„Maria! Bist du noch da?“
Schweigen.
„Maria? Bitte!“
„Ich muss so weinen, Heribert!“
„Armes. Komm ich nehm dich in die Arme und drück dich ein bisschen.“
„Danke. Das brauch ich jetzt echt.“
„Besser?“
„Nein. Weißt du, ich muss immer dran denken, wie er mich bat, Fotos von mir machen zu dürfen. Er hat immer gesagt: „Maria, du wächst so schnell. Ich möchte einige Erinnerungen an dich haben, wenn du mal groß bist und eigene Wege gehst.“ Warum habe ich mich nicht öfter knipsen lassen? Dann hätte er seine Freude gehabt. Stattdessen war ich immer murrig, wenn er die Kamera hervorholte. Die meiste Zeit musste er mich heimlich „abschießen“. Ich wollte, ich könnte es ändern. Es tut mir jetzt so dermaßen leid, das glaubst du nicht! Warum war ich nicht netter zu ihm. Ich liebte ihn doch über alles und er hat alles für mich getan. Das tut so weh, wenn ich dran denke. Und ich kanns nicht mehr gutmachen. Das ist das Schrecklichste daran!“
Sie tat ihm unendlich leid. Es musste ihr schier das kleine Herz abdrücken. Die folgenden Minuten tat er alles, um sie zu trösten.
„Magst du mitkommen in die Taverne?“ fragte er, als sie schrieb, dass sie aufgehört hatte zu weinen.
„Nein. Heut nicht. Drück mich noch ein bisschen.“
Er schrieb, dass er sie in die Arme nahm und tröstend an sich drückte.
„Kraulst du mich am Arm?“
„Ja tu ich.“
Er verstand nicht genau, was sie damit meinte, aber sie war zufrieden, als er schrieb, dass er sie am Arm kraulte.
Maria blieb nicht lange. Schon kurz vor 9 verabschiedete sie sich.
Nachts träumte Heribert von ihr. Im Traum stand Maria allein mitten in einem großen Wald und weinte. Jemand Unsichtbares fragte sie: „Warum heulst du?“ Es war eine Frauenstimme.
„Niemand ist da, mich zu trösten“, antwortete Maria weinend.
„Ach führ dich nicht so auf!“ rief die Frauenstimme schnippisch. „Nimm ein Aspirin.“
Während Maria immer mehr weinte, hackte die Frauenstimme unbarmherzig auf ihr herum.
Am nächsten Tag musste Heribert immerzu an diesen Traum denken.


Abends war sie wieder wie immer, freudesprühend und quirlig. Sie verlangte, dass er sie mitnahm in eines der Onlineabenteuerspiele. Zusammen mit einigen Kumpanen aus der Taverne durchstreiften sie ein Fantasyland und mussten Aufgaben erfüllen und Kämpfe ausfechten. Für jede gelöste Aufgabe erhielt man Goldtaler. Maria stellte sich erstaunlich geschickt an. Sie verstand schnell, wie sie ihren Avatar steuern musste. Sie war listig und erfindungsreich.
Später redeten sie im Privatchat miteinander über Musik.
„Kraulst du mich am Arm?“ bat sie.
Er schrieb, dass er’s täte.
„Mmmm! Schön.“
„Mach ich gerne für dich, kleine Mittelaltermaus.“
„Ich mag außer Mittelaltermusik noch Irisch, orientalische Musik und Cajun“, schrieb sie.
„Da hat mich Onkel Wolfgang drauf gebracht.“
Heribert duckte sich innerlich zusammen. Würde sie wieder weinen, nachdem sie ihren verstorbenen Onkel erwähnte? Nein. Sie schrieb ihm von Cajunbands und von Cajunmusik aus den Dreissigerjahren, die sie cool fand, weil sie so toll altmodisch klang und sie Akkordeonklänge mochte.
„Morgen schick ich dir ein paar meiner Lieblingslieder“, versprach sie beim Abschied.

Sie hielt Wort. Im Verlauf der nächsten Wochen schickte sie ihm täglich einige Musikstücke. Heribert fand die Musik gewöhnungsbedürftig, aber weil Maria sie so sehr liebte, gefiel sie ihm auch. Er war mittlerweile jeden Abend auf MA-Online und wartete auf Maria. Kam sie einmal nicht, fühlte er tiefe Enttäuschung. Manchmal verbrachte sie einige Tage bei Verwandten, auch wenn sie Schule hatte. Dann nahm sie frühmorgens den Zug in ihren Heimatort und kam mittags wieder zurück zur Tante.
„Ich passe oft auf meine kleine Cousine Annika auf. Sie ist 4 und eine richtige kleine Wildkatze. Sie kann kratzen und beißen, und wie! Sie ist eine Nervensäge. Aber meistens ist sie lieb. Sie will ja bloß, dass man sich um sie kümmert und das mach ich gerne. Ich weiß doch wie das ist, wenn man niemanden hat.“
„Du bist ja ein richtiges kleines Mütterchen“, schrieb er.
„Kraulst du mich am Arm bitte?“
Er tat ihr den Gefallen, obwohl er immer noch nicht recht verstand, was sie eigentlich meinte. Aber er wollte alles tun, um sie froh zu machen.
Sie schickte ihm zwei Fotos, auf denen sie ihr Cousinchen im Arm hielt, aufgenommen mit ihrer eigenen Digitalkamera mit Selbstauslöser. Das kleine Mädchen lächelte fröhlich in die Kamera. Sie hatte einen verschmitzten Zug um die Augen. Im Gegensatz dazu lag in Marias Augen eine gewisse Verlorenheit, eine Traurigkeit, die Heribert auf jedem neuen Foto wahrnahm, dass sie ihm schickte.
Er kümmerte sich um Maria, so gut er konnte. Er wollte sie trösten, damit sie wieder lachen lernte. Das Leben schien ihr übel mitgespielt zu haben. Da war der Vater, der nie Zeit für sie hatte, eine Mutter deren Forderungen sie nicht erfüllen konnte. Dann war ihr einziger Vertrauter bei einem Unfall ums Leben gekommen. Als wäre das nicht schon genug, war sie Anfang des Jahres auch noch in der Schule gemobbt worden.
„Saskia war meine allerbeste Freundin“, schrieb sie ihm in einer langen Email. „Wir waren Freundinnen seit der 1. Klasse. Alles habe ich ihr anvertraut! Sie war wie eine Schwester für mich. Und dann tut sie so was Gemeines!
Sie war in einen Jungen verknallt, aber der hat mir hinterher geschaut. Dabei wollte ich gar nichts von dem. Ich fand ihn blöd. Aber Saskia war wütend und sie fing an, hinter meinem Rücken schlimme Sachen über mich zu erzählen. Sie hat die ganze Klasse gegen mich aufgehetzt.
Ich habe das zuerst nicht gemerkt. Bloß wurden alle immer kälter und abweisender zu mir. Am Ende stand ich ganz allein da. Alle waren gegen mich. Ich war so verzweifelt! Ich wusste ja nicht, wieso die mich plötzlich so behandelten. Es war entsetzlich. Die machten mich total fertig.
Wenn nicht durch einen Zufall die jüngere Schwester von dem Jungen alles herausgefunden hätte, wäre ich komplett von der Klassengemeinschaft ausgeschlossen worden. Sie fand raus, was Saskia angezettelt hatte und verriet ihre hinterhältigen Intrigen. Da kehrte sich der Spieß um und Saskia war bei allen in der Klasse unten durch. Sie wurde von allen Jungen und Mädchen geschnitten und ich wurde wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. Im nächsten Schuljahr geht Saskia auf eine andere Schule. Ich habe nicht mehr mit ihr geredet, seit raus kam, was sie mir angetan hat. Ich war so verletzt. Jahrelang war sie meine Vertraute und dann das! Ich traue niemandem mehr!“
Abends im Chat fragte Heribert sie danach: „Hast du keine Freundinnen mehr?“
„Doch“, antwortete sie. „Aber eine wirklich beste Freundin werde ich keine mehr haben. Ich vertraue keiner mehr.“
Heribert tat sie leid. Da hatte sie gerade den Tod ihres liebsten Menschen erleben müssen und wurde auch noch in der Schule gemobbt. Es musste sie völlig niedergedrückt haben. In der Zeit des Mobbings war sie auf MA-Online gekommen und nicht nur dort. Sie schrieb ihm, dass sie in Gothicchats gegangen war und auf Seiten, wo Selbstmordabsichten diskutiert wurden. Er verfolgte ihre Spuren in Boards, in die kein elfjähriges Mädchen gehörte.
Sie hat gesucht, dachte er bei sich. Sie hat verzweifelt gesucht.
Er betrachtete alle Fotos, die sie ihm geschickt hatte. Auf einigen sah man sie zusammen mit einem gut aussehenden, sportlichen Mann von 40 Jahren, der freundlich in die Kamera lachte. Das war Onkel Wolfgang. Auf diesen Fotos lächelte Maria meistens. Auf Bildern, die nach Wolfgangs tödlichem Unfall aufgenommen wurden, stand immer diese Traurigkeit in ihren Augen. Seltsam war, dass diese Traurigkeit auch auf dem letzten Foto zu sehen war, das Wolfgang von ihr gemacht hatte, dem Bild auf dem sie fragend in die Kamera schaute.
„Als hätte sie geahnt, dass es das letzte Bild sein würde“, murmelte Heribert.
Er gab sich einen Ruck und schickte ihr einige Fotos von sich selbst. 2 Campingbilder und einige, auf denen er in mittelalterlicher Gewandung zu sehen war. Sie fand ihn gut aussehend. Heribert fühlte sich geschmeichelt.

Weitere Wochen vergingen. Heribert und Maria trafen sich fast täglich im Chat. Ihm fehlte etwas, wenn sie einmal nicht da war. Seit Maria da war, war er viel lieber auf MA-Online als früher. Sie versprühte eine Lebendigkeit ohnegleichen. Immer erzählte sie ihm von ihren Aktivitäten, vom Schwimmen und von ihren Fahrradtouren.
„In letzter Zeit bin ich immer schnell müde beim Radfahren“, schrieb sie. „Blödes Wachstum. Hoffentlich ist es bald vorbei. Kopfweh habe ich heute auch wieder gehabt. Warst du am Wochenende wieder auf einem Mittelaltermarkt?“
„Diesmal nicht. Das Wetter war zu miserabel und habe eine leichte Erkältung.“
„Du Armer. Ich braue dir einen Zaubertrank, der dich schnell gesund macht.“
„Danke. *kuss* Du bist meine beste Freundin.“
„Echt?“
„Ja. Ich mag dich sehr, Maria.“
„Das sagst du nur so.“
„Nein, ich meins ehrlich. Ich freue mich jeden Tag auf dich. Und deine Cajunmusik ist zu meiner Lieblingsmusik geworden.“
„Ich habe einen Film über die Geschichte der Cajunmusik. Wenn du mir deine Adresse gibst, kann ich dir eine kopierte DVD schicken. Wir haben so ein Kombigerät. Ich kann die Kassette für dich auf DVD brennen.“
Er wusste, es war ein Risiko, im Internet persönliche Daten zu nennen, aber sie hatte ihm so viele Fotos von sich geschickt, dass er das Risiko einging.

Ein paar Tage später lag ein Luftpolsterumschlag in seiner Post. Seine Adresse stand in sauberer, rundlicher Schulmädchenschrift auf dem Umschlag. Einen Absender suchte er vergebens. Abgestempelt war der große Brief in einer Stadt nahe Marias Heimatort Saarfelden. Im Umschlag fand er eine DVD und ein Briefchen, in dem sie ihm den Film beschrieb. Das zartviolette Briefpapier duftete nach Veilchenparfüm. „Für Heribert“, hatte sie geschrieben. Seinen Namen hatte sie mit einem roten Herzen eingekringelt.
Heribert schaute sich den Film sofort an und abends diskutierte er mit Maria darüber.
In die Taverne wollte sie nicht.
„Ich hab wieder Kopfweh“, klagte sie.
„Sag mal Maria. Ist euer Hausarzt mal auf die Idee gekommen, dich zum Augenarzt zu überweisen? Vielleicht siehst du schlecht. Ein Freund von mir hatte das in der 9.Klasse auch und dann stellte sich heraus, dass sein linkes Auge schlechter sah als das rechte. Er hatte auch immer Kopfschmerzen. Sobald er eine Brille hatte, hörten sie auf.“
„Beim Augenarzt war ich noch nie.“
„Frag mal deinen Doktor, ja?“
„Gleich morgen mach ich das. Du hast gute Ideen. Bessere als unser doofer Doktor. Der weiß alles besser, aber er weiß gar nix!“

Drei Tage später meldete sie, dass ihre Augen vollkommen in Ordnung seien. „Der Augenarzt meinte, meine Kopfschmerzen könnten psychosomatisch sein. Dass ich in der Schule zu viel eingespannt bin und so. Zuviel Erwartungsdruck von den Eltern. Meine Mutter hat schön blöd aus der Wäsche geschaut und versucht, sich rauszureden. Na es sind ja bald Ferien. Dann kann ich ausspannen. Fährst du auf den Mittelaltermarkt in Barrenburg?“
„Das kannste singen, Fräulein. Barrenburg lass ich mir nicht entgehen, selbst wenn es Mistgabeln regnet. Barrenburg hat Tradition.“ Er besuchte den Markt seit vielen Jahren.
„Ich tät gerne mit dir hingehen.“
„Ja Maria, das wär schön. Ich würde dich nur zu gerne mitnehmen.“
„Nimmst du mich an die Hand?“
„Ja natürlich und dann erlebe ich den Markt mit dir zusammen. Aus deiner Sicht.“
„Darf ich barfuß gehen? Das mache ich nämlich gerne.“
„Sicher. Viele Mädchen und Frauen laufen auf Mittelaltermärkten ohne Schuhe rum.“
Eine Weile spielten sie alles virtuell durch. Er führte sie zu einer mittelalterlichen Bäckerey und kaufte ihr ein Rosinenbrötchen. Dann bekam sie in der Taverne einen Apfelsaft. Sie liefen an den vielen Marktständen vorbei und schauten einer Mittelalterband beim Spielen zu.
Heribert seufzte in sich hinein. Wie gerne hätte er das alles in der Wirklichkeit erlebt. Maria war ihm inzwischen sehr ans Herz gewachsen. Er liebte das Mädchen und wollte gern alles tun, damit sie glücklich war.
„Gehen wir morgen wieder ein Abenteuer bestehen?“ fragte sie.
„Klar. Wo denn?“
„Astaria. Mir haben die Dinosaurier dort so gut gefallen. Ich habe mir eine Geschichte ausgedacht mit dir und mir als Hauptpersonen.“
„Echt? Erzähl!“
„Nichts da, Sensenmann! Du musst warten, bis sie fertig ist.“
„Schreibst du sie etwa?“
„Ja.“
Heribert erinnerte sich, dass sie in ihrem Profil bei Hobbys auch Schreiben angegeben hatte.

Tags darauf lag ein neues Foto für ihn in seinem Emailfach. Sie hatte einen Sensenmann in den Sand gezeichnet, einen Riesen von fast zwei Metern. Sie stand in Jeans und weißem T-Shirt auf der Spitze der Sense, barfuss und auf die Zehen hochgereckt. „Ich hab keine Angst vorm Sensenmann“, lautete der Name des Bildes. „Das habe ich mit Selbstauslöser aufgenommen“, schrieb sie dazu.
„Lol“, antwortete Heribert. „Haben deine Eltern kein Geld für Schuhe? Du bist echt auf jedem Foto barfuß.“
„Doofi!“ antwortete sie. „Ich meld mich in einer Viertelstunde.“
15 Minuten später lag ein neues Foto in seinem Postfach. Nun stand sie in einem winzigen Bikini auf dem Sensenmann und zwar genau auf seiner Nasenspitze. Rechts und links hatte sie mehrere Paare Turnschuhe mit den Schnürsenkeln an die Bikinihose gebunden. Sie trug riesige schwarze Gummistiefel an den Füßen, die ihr bis zu den Knien reichten und streckte der Kamera frech die Zunge heraus. Heribert musste so lachen, dass er lila anlief.

Zwei Tage später schickte sie ihm die Geschichte, 8 Manuskriptseiten in WORD. Eine junge Prinzessin war von einer Horde abscheulicher Oger entführt worden. Tief im Drachenwald hatten sie die arme Prinzessin an einen Felsen gekettet, als Opfer für den König der Drachen. Der Landmann Heribert vom Mühlental kam angeritten und kämpfte gegen den obersten Drachen. Er besiegte die Bestie und befreite die Prinzessin und fortan lebten sie glücklich vereint auf seiner Burg und bestellten zusammen seine Felder und seinen riesigen Garten.
„Du bist einfach unglaublich, Maria!“ schrieb er ihr abends im Chat. „Du hast einen phantastischen Schreibstil. Für so ein junges Mädchen bist du ungeheuer gut.“
„Ich hatte Hilfe“, gestand sie ohne Umschweife. „Ich habe die Geschichte jemandem geschickt, der eine Schriftstellerin kennt. Er schickt ihr mein Geschreibsel und sie korrigiert es. Ich nenne sie immer „Die große Unbekannte“, weil ich nicht weiß, wer sie ist. Die große Unbekannte liest sich meine Schreibereien immer durch und dann schreibt sie mir Hilfestellungen und korrigiert Fehler. Ich schick dir mal ein Blatt der Korrekturgeschichte. Kannst es dir ja ansehen. Ich mache noch arg viel falsch. Aber sie lobt mich neuerdings, dass ich allmählich besser werde. Ich schicke dir die Seite mit den meisten Korrekturvorschlägen. Auf manchen Seiten macht die große Unbekannte nur einen oder zwei Vorschläge.
Heribert fand ihr Manuskript im Emailpostfach. Es war die Geschichte von der Prinzessin und dem König der Drachen. Jemand hatte in Klammern gesetzte Korrekturvorschläge hinzugefügt und auf Fehler hingewiesen.

DRACHENLAND mit Korrekturvorschlägen, Seite 7
Maria schrie vor lauter(Lektorat: „lauter“ bitte weglassen, das klingt nach deinem Dialekt und wirkt stören) Todesangst, als sie den Drachen gewahrte (Lektorat: „gewahrte“? Es müsste heißen, „als sie des Drachen gewahr wurde. Klingt aber sehr geschraubt. Schreibe doch einfach: „als sie den Drachen erblickte“ oder ähnliches. In der Einfachheit liegt die wahre Schönheit). Sie zerrte verzweifelt an den eisernen Ketten, die sie am Fels festhielten. Ganze Sturzbäche aus Tränen strömten ihr die Wangen hinab. (Lektorat: „Ganze“ muss nicht sein. Lies den Satz laut. Einmal mit und einmal ohne „ganze“. Es geht auch ohne. Oder benutze ein besseres Wort wie: „Wahre Sturzbäche“)
„Bitte nicht! Oh bitte nicht!“ schluchzte sie in Todesangst. (Lektorat: Todesangst ist eine Wortwiederholung und steht schon zwei Sätze weiter oben. Weglassen wäre besser oder abändern in „schluchzte sie voller Entsetzen oder ähnliches)
Gerade als die schreckliche Echse sich auf das wehrlos angekettete Mädchen stürzen wollte, kam Ritter Heribert vom Mühlental auf seinem Streitross angaloppiert. Er schleuderte seinen Speer und traf das Untier in die Seite. Aufkreischend ließ der Drache von seinem Opfer ab und wandte sich dem Neuankömmling zu. Heribert vom Mühlental (Lektorat: dass er Heribert vom Mühlental heißt, wissen die Leser bereits. Bitte nicht immer den vollen Namen. Heribert genügt) schlug mit dem Schwert zu, das er von der Magierin Rolalia bekam. (Lektorat: „bekam“ ist ein Zeitfehler. Das Schwert hat er schon auf Seite 1 erhalten. Dies ist also in der Vergangenheit bereits geschehen, während der Schlag, den er mit dem Schwert gegen den Drachen ausführt in der Vergangenheit gerade abläuft. Dafür nimmt man den Imperfekt. Für „bekam“ nimm aber Plusquamperfekt also „bekommen hatte“. Aber du besserst dich, Maria. Die Zeitfehler werden seltener. Gut so. Du lernst!) und verwundete die Bestie tödlich. Doch noch war der König der Drachen nicht tot. Er richtete sich auf, um Feuer zu spucken. Um ihn(Lektorat: „ihn“ könnte auf Heribert interpretiert werden. Vorschlag: ersetze „ihn“ durch „das Untier“ oder „die Echse“ oder ähnliches. Musst du aber nicht unbedingt) zu töten, musste man eins seiner Augen treffen. Heribert vom Mühlental(Lektorat: Bitte nur Heribert, ohne den vollen Nachnamen) zog den scharfkantigen Wurfstern aus seinem Wams und warf ihn mit voller Kraft. (Lektorat: Aua! Es scheppert der Deus ex machina. Wo kommt der Wurfstern plötzlich her? Von dem war bei der Vorstellung von Heriberts Bewaffnung auf Seite 3 keine Rede. Bitte noch einbauen, sonst haben die Leser das Gefühl, dass du ein Kaninchen aus dem Zylinder zauberst) Er landete einen Treffer. Das Auge des Drachen explodierte in einer karmesinroten Blutfontäne (Lektorat: Phantastisch ausgedrückt! Ich war direkt dabei. Sehr plastisch. Du hast wirklich Talent. Weiter so, Maria!) und die Schuppenechse brach zusammen.

„So, so. Du hast eine Lektorin“, sagte Heribert zu sich selbst. Aber selbst in der Rohfassung klang Marias Geschichte schön. Klar die Zeitfehler und Wortwiederholungen störten ein wenig, aber man konnte darüber hinweg lesen.
Das schrieb er ihr auch im Chat. Sie freute sich sehr. „Meinst du das ernst?“
„Klar doch. Ich hab die Seite ohne die Korrekturvorschläge gelesen und finde sie gut.“
„Du bist nett.“
„Bekomme ich einen Schmatz?“
„Umarmt Heribert ganz doll fest und gibt ihm einen Schmatz.“
„Danke. Jetzt habe ich Herzklopfen.“
„Ich auch, Heribert.“
Heribert spürte ein freudiges Ziehen im Herzen. „Musst du nicht bald ins Bett?“
„Ich hab doch Ferien.“
„Ach ja. Hatte ich ganz vergessen. Gehst du mit deinen Freundinnen viel ins Schwimmbad?“
„Manchmal.“
„Redest du mit ihnen viel?“
„Ja. Aber nichts Vertrauliches. Ich trau keiner mehr seit der Sache mit Saskia.“
„Du brauchst aber einen Menschen, dem du volles Vertrauen schenken kannst und der dir zuhört, Maria.“
„Ich hab ja jetzt dich.“
Wieder verspürte er das Ziehen im Herzen. Wie viel sie in diesen einen kurzen Satz ausdrückte!
„Ja du hast mich“, schrieb er.
„Ich vertraue dir“, antwortete sie. „Ich mag dich echt sehr gern.“
„Ich dich auch, Maria.“
„Um wie viel Uhr fährst du am Sonntag nach Barrenberg?“ wollte sie wissen.
„Um halb 11 ist Einlass. Ich bin immer unter den Ersten.“
„Und dann setzt du dich auf die Bühne?“
„Erst noch ein Kaffee und ein Rosinenbrötchen.“
„Ach ja. Hatte ich vergessen. Du Heribert?“
„Ja?“
„Denkst du bitte ganz fest an mich, wenn du dort am Bühnenrand sitzt und dir das mittelalterliche Treiben anguckst?“
„Das werde ich tun, Maria. Aber ich denke sowieso dauernd an dich.“
„In echt?“
„Ja. Ich mag dich sehr.“
„Ich dich auch.“
„Gehen wir noch in die Taverne zu den Wilden?“
„Au ja! Ich will die Katze vom Theken-Oger ärgern, bis sie faucht.“

Am nächsten Tag, es war Donnerstag, kam sie erst gegen 9 Uhr und sie war seltsam still. Auf seine Fragen antwortete sie nur einsilbig.
„Maria, was ist mit dir?“ fragte Heribert besorgt.
„Nichts.“
„Du hast doch was. Das spüre ich. Komm sags mir!“
„Mir ist nicht gut. Vielleicht war ich zu lange in der Sonne. Ich geh ins Bett. Gute Nacht.“
Sie ließ sich noch von ihm knuddeln und verabschiedete sich dann.

Tags darauf war sie wie ausgewechselt. Sprühend vor Begeisterung schoss sie zur Eingangstür der Taverne herein, fiel jedem Gast um den Hals, verteilte Küsse und Umarmungen, streichelte Hund und Katze und gab dem zahmen Raben auf dem Fensterbrett Körner zu fressen. Sie flirtete mit jedem, der mitmachte und später im Privatchat war sie lieb und anhänglich zu Heribert.
„Nicht mehr krank?“ fragte er.
„Nö. Putzmunter!“ lautete ihre Antwort.
Auch am Samstagabend war sie quicklebendig und munter wie ein Fisch im Wasser. Sie ging mit Heribert und fünf anderen aus der Clique ins Abenteuerland, kämpfte gegen Trolle und Drachen und fand einen versteckten Goldschatz, den sie großmütig unter ihren Kameraden verteilte. Für sich nahm sie nichts.
„Ich brauch kein Gold“, schrieb sie. „Das ist so schwer und ich will mich nicht abschleppen damit.“
Später im Chat kam sie wieder auf den Mittelaltermarkt von Barrenburg zu sprechen. Heribert musste ihr genau erklären, wo die Barrenburg stand und wie der Markt aussah. Besonders genau nahm sie es mit seinem Sitzplatz auf der Bühne. „Bist du genau um halb 11 dort?“
„Ein bisschen später“, antwortete er. „Ich muss ja zuerst meinen Kaffee schlürfen und das Rosinenbrötchen futtern.“
„Also um viertel vor?“
„Eher zehn vor.“
„Um zehn vor elf denkst du ganz feste an mich?“
„Ja Maria. Versprochen.“
„Fein.“

(Fortsetzung folgt)


Offline Profil
BeitragVerfasst: 21. Jul 2007, 03:20
BenutzeravatarBeiträge: 2228Wohnort: Baden-WürttembergRegistriert: 22. Aug 2005, 19:12
.

Ich finde es sehr traurig das Maria ihren geliebten Onkel Wolfgang
verloren hat, Niemand kann einen solchen Verlust ausgleichen.
Es gibt zwar einige Menschen wie Wolfgang aber
oftmals ist es diesen Menschen nicht möglich ihre Liebe im Realen Leben
weiterzugeben an die Menschen die sie ins Herz geschlossen haben
und sie tun es dann virtuell wie Heribert.

Es gibt viele Mädchen die ähnlich wie Maria viel Schlimmes im Leben
durchmachen, ich wünschte es gäbe für jede von ihnen einen Heribert.


Offline Profil
BeitragVerfasst: 21. Jul 2007, 09:32
Beiträge: 3705Registriert: 11. Nov 2006, 17:42
@ blue:

Sie wird noch ganz anderes durchmachen müssen, bzw. sie macht es schond urch, es hat schon angefangen.

Sternchen wird das erst im Zuge der Geschichte entrollen. Sonst macht es keinen Witz.

Tipp: Achte auf die Signale über ihren Körper (Schmerzen, Wachstum)!


Offline Profil
BeitragVerfasst: 16. Aug 2008, 00:02
Beiträge: 5Registriert: 23. Aug 2007, 11:52
Toll!
Was man so alles im Archiv findet . . .

Was zur Hölle ist Cajunmusik??? :? :roll: :?:


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