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<  Kreativ  ~  Ich habe keine Angst mehr (Teil 3)

BeitragVerfasst: 20. Jul 2007, 19:58
BenutzeravatarBeiträge: 303Registriert: 17. Jun 2007, 20:25
3.Kapitel: MITTELALTERMARKT

Heribert saß am Rand der großen Bühne, auf der im Laufe des Tages verschiedene Mittelalterbands auftreten würden und ließ die Beine baumeln. Er hatte am Stand der Mittelalterlich Bäckerey ein Rosinenbrötchen gemampft und dazu einen starken Kaffee mit Milch getrunken. Nun saß er da und ließ das Mittelalter auf sich einwirken. Diese morgendliche Ruhepause hatte ihre ganz eigene Qualität. Der Kaffee hatte ihn hellwach gemacht und das Brötchen hatte ihn angenehm gesättigt. Er war bereit für einen schönen, erlebnisreichen Tag in seinem liebsten Hobby. Aber noch saß er still und ging in sich. Seine Augen schweiften über den Platz, nahmen Menschen in mittelalterlicher Gewandung wahr und Besucher in Zivil. Er betrachtete reihum die Marktstände und lauschte einer klagenden Marktsackpfeife, die irgendwo außerhalb seines Sichtfeldes geblasen wurde. Er nahm die Farben der Welt um sich herum in sich auf. Er wurde eins mit dem Mittelalter.
Plötzlich spürte er sanfte Vibrationen unter seinen Pobacken. Jemand hatte hinter ihm die Bühne betreten. Wahrscheinlich ein Musiker, der sich die Location anschauen wollte, wo er nachmittags seinen Auftritt hatte. Heribert drehte sich nicht um. Er wollte sich nicht stören lassen in seiner Ruhepause.
Die Vibrationen näherten sich. Heribert seufzte innerlich. Würde man ihn auffordern, die Bühne zu verlassen? Wozu? Noch spielte keine Band. Es konnte niemanden stören, dass er für 10 Minuten auf dem Bühnenrand saß.
Er hörte das leise Patschen nackter Füße auf den Holzbohlen hinter sich, dann legten sich zwei Hände auf seine Augen.
„Rate, wer das ist?“ forderte eine leise Stimme.
Heribert saß still. Einen Moment lang konnte er sich nicht rühren. War das einer seiner Bekannten, der sich einen Spaß erlaubte? Aber keiner seiner Kumpels hatte an diesem Sonntag Zeit gehabt, mit nach Barrenburg zu kommen. Und die Stimme war viel zu hell.
Plötzlich nahm er einen Hauch von Veilchenduft wahr. Er kannte den Duft. Von einem Brief.
Ungläubig tastete er nach den Händen auf seinen Augen. Sie waren klein und schmal.
„Maria?“
Helles Lachen hinter ihm. Die Hände gaben seine Augen frei und legten sich auf seine Schultern. Ihr Kopf erschien an seiner linken Wange. Sie schnupperte: „Mmm! Du riechst gut. Echtes Mittelalterlandmannrasierwasser?“ Ihr perlendes Lachen direkt neben ihm. Der Luftstrom aus ihrem Näschen kitzelte ihn an der Wange. Langsam drehte er sich um. Sie stand hinter ihm und schaute ihn aus blitzenden Augen an.
„Hallo Heribert.“
„Maria!“ Er war baff. „Wo kommst du denn her?“
Sie zeigte nach links: „Von da hinten, vom Eingang zum Markt.“ Sie lächelte ihn verschmitzt an. „Von wo sollte ich sonst gekommen sein? Vom Himmel gefallen?“
Genauso kam es ihm vor. Er stand auf. Da er vor der Bühne stand und sie oben, waren ihre Gesichter auf gleicher Höhe. Er hatte all die Fotos gesehen, die sie ihm geschickt hatte, doch nichts hatte ihn auf diese Begegnung vorbereitet. Die Fotos waren nichts sagende zweidimensionale Darstellungen von Äußerlichkeiten gewesen. Aber hier vor ihm stand ein lebendiger Mensch aus Fleisch und Blut. Ihre Haare kamen ihm länger vor, als auf den Fotos. Sie waren dunkelblond, mit einem Stich ins Bräunliche. Ihre grauen Augen mit dem sanften Dunkelblauschimmer standen in interessantem Kontrast dazu. Ihre Nase war unten breit aber sonst eine richtige kleine Stupsnase, deren Spitze in den Himmel zeigte. Ihr schmales Gesicht war erstaunlich hell. Sie gehörte wohl zu den Menschen, die selbst im Hochsommer nicht besonders braun wurden. Ihr Körper war klein und zierlich, sah eher aus wie der einer Zehnjährigen. Sie war gertenschlank, fast mager. Sie trug eine einfache mittelalterliche Tunika aus ungebleichtem Leinenstoff mit einer doppelten grünen Zierlinie am Saum, der um ihre Knie spielte. Oben am weit ausgeschnittenen Kragen gab es die gleichen Ziernähte. Der einzige sonstige Schmuck an der einfachen Kleidung war ein schmaler naturfarbener Ledergürtel, an dem eine Tasche baumelte. Sie trug keine Schuhe. Ihre Füße waren schmal und schlank mit langen feingliedrigen Zehen.
„Du bist barfuß hergekommen?“ fragte Heribert verblüfft.
Sie lachte ihn fröhlich an: „Nein. Ich hab die Sandalen am Eingang zum Markt ausgezogen und eingesteckt. Sie sind da drin.“ Sie klopfe auf ihre Tasche. „Hier ist überall schönes weiches Gras. Wer braucht da Schuhe?“ Sie schaute ihn mit schief gelegtem Kopf an: „Freust du dich denn nicht, dass ich gekommen bin?“
„Doch! Und wie!“ beeilte er sich zu sagen. „Ich bin noch ganz platt. Mit so einer Überraschung hätte ich nicht gerechnet.“ In der Tat fühlte er sein Herz schneller schlagen, während er sie ansah. Er freute sich ungemein. Plötzlich kam ihm der Tag viel schöner vor. Maria war da. „Wie lange kannst du bleiben? Bist du mit deiner Familie da?“
„Ich bin mit dem Zug gekommen. Allein. Heute Abend um halb 6 muss ich wieder zurück.“
Heribert glaubte sich verhört zu haben. Sie würden den ganzen Tag haben. Eine herrliche Vorstellung. Ihm wurde bewusst, dass er Maria schon seit geraumer Zeit fest ins Herz geschlossen hatte. Ihre nette liebe Art hatte ihn verzaubert. Und jetzt wo sie quicklebendig vor ihm stand und ihn mit freudesprühenden Augen anschaute, war es vollends um ihn geschehen. Er fand, dass sie das wunderschönste Mädchen war, das er je getroffen hatte.
„Zeigst du mir den Markt?“ Sie sprang von der Bühne und fasste nach seiner Hand.
„Gerne“, antwortete er. „Komm mein kleines Mittelaltermädchen Maria.“
Gemeinsam streiften sie über den Mittelaltermarkt. Sie ging die meiste Zeit an seiner Hand und plapperte unentwegt. Sie fragte ihn nach allem Möglichem, wollte wissen, wie seine Arbeit war und wo er seine Gewandung kaufte, ob er wirklich ein Motorrad kaufen würde und wenn ja welches. An jedem Stand betrachtete sie voller Neugier die Auslagen.
Heribert beobachtete sie heimlich. Im Oktober würde sie 12 werden, aber sie wirkte auf ihn mehr wie ein Kind in ihrer Unbeschwertheit. Als sie quer über die Wiese zum Stand des Instrumentenbauers liefen, ließ sie seine Hand los und schlug ein Rad. Dann sprang sie auf eine waagrechte Koppelstange aus geschältem Fichtenstamm und balancierte mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem schmalen runden Balken, sich mit den Zehen festhaltend wie ein kleiner flinker Affe, die Arme seitlich ausgestreckt.
„Fang mich auf!“ rief sie, als sie am Ende der Stange ankam und sprang ihm in die Arme. Er hielt sie fest und wirbelte sie dreimal im Kreis. Sie jauchzte. Er spürte ihren schnellen Herzschlag.
„Schön“, sagte sie, als er sie auf den Boden niederließ. Sie hielt sich eine Weile an ihm fest. Heribert stand still und ließ sich die Umarmung gerne gefallen. Er fühlte sich so gut wie lange nicht mehr. Maria war da. Was für ein schöner Tag.
Am Stand des Instrumentenbauers angekommen betrachtete sie die Instrumente eingehend. „Tonflötchen!“ rief sie und griff nach einem kleinen rundlichen Dingelchen, das an einem schmalen Lederbändchen hing. „Ich habe meine vergessen, ich Schussel! Hah! Kaufe ich mir eben eine.“
„Ich bezahle sie dir“, bot sich Heribert an. Er griff zur Geldbörse.
„Nein, das bezahle ich selber“, sagte sie. „Ich muss mein Taschengeld loswerden. Wirklich. Es muss weg.“ Für einen Moment sah sie ihn stumm an mit einem undefinierbaren Ausdruck im Gesicht. Alle Fröhlichkeit schien für den Bruchteil einer Sekunde aus ihren Augen gewichen. Dann lachte sie wieder, bezahlte den Händler und hängte sich das kleine Flötchen um den Hals. „So, jetzt bin ich anständig ausstaffiert“, mehr Schmuck braucht ein Mittelaltermädchen nicht.“
„35 Euro für so ein kleines Dingelchen?!“ fragte Heribert.
„Ist halt Handarbeit“, erwiderte sie lächelnd. „Und es muss ja von Hand vor dem Brennen ganz genau gestimmt werden. Das ist nicht leicht. Das braucht eine erfahrene Hand.“
Heribert staunte nicht schlecht. Wie erwachsen sie klang. Und dann war sie wieder so kindlich verspielt. Sie war einfach unglaublich. Er fand sie umwerfend. Er mochte sie sehr.
Im Weitergehen führte Maria die runde Flöte zum Mund und begann ein Lied zu spielen. Heribert erkannte eine Mittelalterweise.
„Du bist ja richtig gut mit dem Ding“, sagte er, als sie fertig war.
„Meine erste bekam ich mit 8“, erwiderte sie. „Man kann es ganz leicht lernen. Nur das Cis geht anfangs schwerer, weil man mit dem rechten Mittelfinger das hintere Loch nur halb zudecken darf, sonst wird’s ja ein C.“ Sie ließ ihre zierlichen Finger über die Löcher des winzigen kaum 3 Zentimeter großen Instrumentes fliegen. Eine neue Melodie erklang. Heribert erkannte „Auld Lang Syne“. Leute drehten die Köpfe nach ihnen um, wenn sie an ihnen vorbeiliefen. Marias Flötenspiel gefiel ihnen offensichtlich.
Sie liefen kreuz und quer über den Markt und schauten sich alles an. Gelegentlich spielte Maria eine kleine Melodie, aber meistens hielt sie sich an seiner Hand fest. Sie zeigte auf alles, was sie interessierte, war schnell begeistert und riss Heribert mit ihrer Begeisterung mit. Er fühlte sich in Marias Gesellschaft unbeschreiblich wohl.
Du zeigst mir den Markt, dachte er. Ich sehe alles ganz neu, denn ich sehe es durch deine Augen Maria.
Auf einem freien Platz stellten sich Mittelaltermusiker auf und begannen zu spielen. Maria lehnte sich gegen Heribert, umschlang seine Mitte mit den Armen und sang mit:
„Wilekomen sumerweter süeze
der winter si lange
siner kelte hat uns wol benüeget
sprach ein maged schiere komen müeze
diu zit daz ich gange
hin zem reien harte wohl beklüeget“
Ihre Stimme war glockenhell und volltönend, sie sang ohne Scheu den gesamten Text mit.
„Das habe ich auf CD“, sagte sie danach und blickte zu ihm auf. Ihre Augen leuchteten. „Das ist auf „Lieder und Tänze des Mittelalters“ vom „Ensemble für frühe Musik Augsburg“. Die hör ich am liebsten, weil sie sich Mühe geben, so authentisch wie möglich zu sein.“ Sie zwinkerte ihm frech zu: „Aber in Extremo ist auch geil. Vor allem, wenn man die Stereoanlage voll aufdreht.“
Heribert musste lachen.
Erst jetzt fiel ihm ein, dass er seine Digitalkamera dabei hatte: „Darf ich dich fotografieren, Maria?“
Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Für einen Moment sah sie aus, als würde sie gleich anfangen zu weinen. Da war sie wieder, diese tiefe Traurigkeit in ihren Augen, die er von ihren Fotos kannte. Tiefes Mitgefühl ergriff ihn. Gerade wollte er sie tröstend in die Arme schließen, da lächelte sie ihn an, als sei nichts gewesen: „Okay. Klar. Und du musst mich mit meiner auch knipsen. Ich habe nämlich auch eine mit.“ Sie holte eine Leica Digilux aus der Tasche und reichte sie ihm. „Immer doppelt knipsen, ja?“
„Stell dich bitte zu den Musikanten“, bat Heribert.
„Ja kommet zu uns, holde Maid“, rief der Sackpfeifenspieler der Musikgruppe und winkte Maria zu sich. „Wer so trefflich und herzeberührend zu singen versteht, der soll auf immer mit uns den Musikussen auf das magische Portal gebannet werden, welches dieser edle Landmann in Händen hält.“ Sie stellte sich zu den Musikanten und Heribert machte einige Aufnahmen mit unterschiedlichen Zoomeinstellungen.
Anschließend spazierten sie weiter. Immer wieder fotografierte Heribert das Mädchen. Ohne Scheu und ohne zu murren stand sie Modell. Heribert fühlte ein schmerzliches Ziehen im Herzen. Er musste an den Abend im Chat denken, als sie so sehr geweint hatte, weil sie ihrem geliebten Onkel Wolfgang immer solche Aufnahmen verweigert hatte. Nun schien sie es wiedergutmachen zu wollen, indem sie für Heribert besonders brav posierte.
Sie kamen zu einem Händlerehepaar, das Harfen und Drehleiern verkaufte.
„Cool!“ rief Maria. „Die Meininger Harfner. Guten Tag. Heh, ich habe ein Instrument von euch. Seit letztes Jahr. Mein Onkel hat es mir geschenkt.“ Sie holte sich ungeniert eine mittelgroße Harfe, setzte sich auf den Boden und begann das Instrument zu spielen. Eine traurigschöne Melodie erklang. Heribert erkannte das Lied vom König und vom Bettler, die dem Tod begegnen. Der Tod forderte sie zum letzten Tanz auf. Der König musste für seine Untaten durchs Höllenportal tanzen, der Bettler aber tanzte mit dem Tod mitten ins Paradies. Zwischen den Strophen gab es normalerweise ein Flötensolo. Maria sang es mit „Na-na-na-Silben“. Ihre Stimme rührte Heribert zutiefst an. Ganz versunken spielte und sang das Mädchen das Mittelalterlied. Sie schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Wie liebte er Maria in diesem Moment!
Als das Lied zu Ende war, stellte Maria die Harfe zurück. Ringsum applaudierten die Leute.
„Dies war wohl ein redliches Handgeklapper wert“, rief der Händler. „Ich sehe, ihr habet gar wohl geübet auf dem feinen Musikinstrumente seit dem vorigen Jahre.“ Maria lächelte scheu in die Runde. Plötzlich wirkte sie schüchtern und befangen. Rasch stellte sie sich neben Heribert.
„Möchtet ihr euch auch unsere Drehleiern anschauen, kleine Maid?“ fragte der Händler mit gewinnendem Lächeln. Er präsentierte Maria eine Leier aus wunderschön verarbeitetem Holz. Interessiert betrachtete die das Instrument und ließ sich seine Handhabung erklären.
„Das ist schön“, sagte sie leise und ergriff es. Der Händler gab ihr eine kurze Einweisung. Maria spielte probeweise damit. Es klang linkisch und ungeübt, aber sie brachte eine einfache Melodie zustande.
„Vielleicht lernst du Drehleier als nächstes“, sagte Heribert. „Wenn du so schnell Harfe gelernt hast, kannst du die Leier im nächsten Jahr genauso virtuos spielen.“
Der Händler holte ein kleines Heftchen hervor: „Ein Prospekt mit Preisliste gefällig, holde Maid?“
Marias schüttelte den Kopf: „Nein danke.“
„Aber es kostet nichts“, sprach Heribert ihr zu. „Nimm es ruhig mit. Zuhause kannst du dir die verschiedenen Instrumente in Ruhe anschauen und dir überlegen, ob du dir von deinen Eltern eines davon zum Geburtstag wünschen sollst. Der Prospekt ist kostenlos. Steck ihn ein.“
„Nein“, sagte Maria leise. Sie wandte sich ab und ging langsam davon.
Heribert sah den Händler an. „Frauen“, sagte er schulterzuckend. „Vielleicht kommen wir nachher wieder vorbei und nehmen einen Prospekt mit.“ Er folgte Maria.
„Warum hast du das Heftchen nicht genommen?“ fragte er. „Ich dachte, du interessierst dich für Drehleiern.“
„Tu ich auch.“
„Aber?“
„Ich habe Hunger“, sagte sie unvermittelt.
Sie setzten sich bei einer Taverne an einen langen Tisch. Sie aßen Kuchen und tranken Apfelsaft dazu. Wieder weigerte sie sich, sich ihre Portion von Heribert bezahlen zu lassen.
„Ich hab mein Taschengeld“, sagte sie und reckte die Nase hoch. „Das muss weg.“ Sie sprach es in ihrem Dialekt aus: „Eich hann mei Taschegelt! Dat muss weck!“
Er konnte sagen, was er wollte, sie blieb dickköpfig und lies nicht zu, dass er für sie zahlte.
Nach dem Essen saß sie da und blickte schweigend in die Ferne. Ihre Fröhlichkeit war fort. Heribert beobachtete sie still. Ganz ruhig saß das Mädchen da und starrte vor sich hin, als wäre es gar nicht hier. Sie schien vergessen zu haben, dass er da war.
„Was hast du, Maria?“ fragte er behutsam.
„Ich habe Angst.“ Ganz leise waren ihre Worte, so leise, dass er sie fast nicht verstand.
„Angst? Wovor?“ fragte er alarmiert.
Sie schreckte zusammen. „Nichts“, sagte sie hastig. „Vor nichts. Ich hab nur so vor mich hin gesprochen.“
Heribert stand auf. Er umrundete den Tisch und setzte sich neben sie. Vorsichtig nahm er sie in die Arme. „Maria, du hast doch was. Das kann ich sehen. Wovor hast du Angst?“
„Vor nichts“, beharrte sie störrisch.
„Mir kannst du es doch sagen, Maria“, bohrte er sanft nach. „Du hast gesagt, du vertraust mir.“
„Tue ich ja auch.“
Er streichelte ihr sanft über das seidige Haar: „Dann sag es mir.“
Sie drehte sich zu ihm und schaute zu ihm auf. „Nein Heribert!“ Plötzlich trommelte sie mit ihren kleinen Fäusten auf seine Brust. „Nein!“ Dann packte sie ihn vorne am Hemd, verkrallte sich regelrecht in ihn. „Heribert sei still!“ Ihre Stimme war leise und seltsam schrill. Verdirb mir nicht diesen schönen Tag! Bitte! Ich werde es dir sagen. Später. Aber nicht heute.“ Ihre Augen waren ein einziges Flehen. „Bitte versprich mir, dass du nicht weiterbohren wirst. Versprich es mir!“
Sie schüttelte ihn: „Los! Versprechs mir!“ Vor lauter Aufregung rutschten ihr ständig Dialektausdrücke ins Hochdeutsche.
„Ich verspreche es, Maria“, sagte er mit heiserer Stimme. „Ist ja gut. Ich bin still. Aber du wirst es mir sagen? Später?“
„Nächste Woche“, antwortete sie. „Frag mich nicht mehr danach. Bitte.“
Er drückte sie kurz an sich, spürte wie ihr schmaler Körper leicht zitterte. „Ist gut, Maria. Ich frage nicht mehr.“
„Komm, gehen wir weiter“, forderte sie ihn auf. Sie sprang hoch und zog ihn an der Hand hinter sich her. Von einem Moment auf den anderen war sie wie verwandelt. Ihr helles wunderschönes Lachen kehrte zurück und die Traurigkeit verschwand aus ihren Augen.
Während sie weiter über den Markt schlenderten und sich die Auslagen der Händler anschauten, dachte Heribert nach. Wovor hatte Maria solche Angst, dass sie beinahe angefangen hätte zu weinen? Wurde sie in der Schule wieder gemobbt? Sie hatte gesagt, nein. Was war es dann? Musste sie auf eine fremde Schule? Zog ihre Familie in eine fremde Ortschaft? War es das? Oder vielleicht ließen sich ihre Eltern scheiden und sie musste mit der Mutter mit, obwohl sie ihren Vater lieber mochte. Er war ratlos und fühlte sich schrecklich hilflos. Er hätte Maria so gerne Trost und Hilfe angeboten. Aber sie wollte nicht.
Na gut, dachte er bei sich, nächste Woche wird sie es mir erzählen. Ich werde es schon aus ihr herauskitzeln. Dann sehen wir weiter.
Sie schauten einem Feuerspucker zu und einem Jongleur.
Dann spielte die erste Mittelalterband und sie stellten sich mit vielen Marktbesuchern vor die große Bühne und lauschten der Musik. Maria stand vor Heribert und lehnte sich mit dem Rücken an ihn. Sie packte seine Hände, verschränkte sie vor ihrer Brust und wiegte sich im Takt der Musik hin und her. Sie war wieder fröhlich und ausgelassen. Von Angst keine Spur.
Die Band spielte eine dreiviertel Stunde. Sie blieben die ganze Zeit über vor der Bühne stehen. Heribert hätte ewig so da stehen können, mit Maria in den Armen. Er musste sich eingestehen, dass er große Zuneigung zu dem Mädchen fühlte.
Nachdem die Musik endete, liefen sie wieder über den Markt. Sie futterten Bauernbrot mit Speck und Schinkenstückchen im Teig und tranken Mineralwasser dazu.
„Gut, dass es nicht so heiß ist“, sagte Heribert. „So wie es jetzt ist, ist es perfekt. So könnte es von mir aus den Rest des Sommers bleiben: 25 Grad und Sonne satt und regnen soll es gefälligst nur nachts.“
„Ich frag den lieben Gott, ob er es so einrichten kann“, sagte Maria.
„Denkst du denn, er hört auf dich?“
Sie schaute zu ihm hoch: „Na dem werd ich’s schon so sagen, dass er hören muss.“ Sie blieb an einem Stand mit einfachem Schmuck stehen.
Heribert beobachtete, wie sie nach Fußkettchen schaute. Als sie sich den Ohrringen zuwandte, erstand er kurzerhand ein Fußkettchen. Es war silberfarben und hatte kleine rubinfarbene Steine als Verzierung. Er drückte es Maria in die Hand: „Da. Schenke ich dir. Damit du eine Erinnerung an mich hast.“
Sie schaute zu ihm hoch: „Du sollst doch nicht für mich bezahlen.“ Es klang vorwurfsvoll und doch streichelte sie mit den Fingern über das Kettchen, als wäre es das Wertvollste auf der ganzen Welt. „Eine Erinnerung…“ Ganz leise sagte sie das.
„Gefällt es dir nicht?“ fragte Heribert. „Wir können es umtauschen. Sieh mal, es gibt auch goldene Kettchen und Steine gibt es in grün und blau.“
„Nein. Ich will das hier.“ Sie bückte sich und befestigte das Kettchen an ihrem rechten Fußgelenk.
Heribert lächelte sie an: „Jetzt bist du in Ketten gelegt. Du bist symbolisch an mich gekettet, weil du mein Fußkettchen trägst, Maria.“
„Echt?“ Sie legte den Kopf schief.
„Ja“, bestätigte er. „Das ist doch der Grund, warum Männer Frauen Ketten kaufen und sie ihnen anlegen. Du bist an mich gekettet, aber sonst bist du frei.“
„Wie ein Vogel“, sagte sie und lächelte ihn lieb an. Sie fasste seine Hand und ging mit ihm über den Grasplatz.
Vor der Bühne standen einige Mittelaltermusiker. Sie probierten ihre Instrumente aus. Der Rauschpfeifer fluchte auf das widerspenstige Rohrblatt seines Blasinstrumentes. „Ich leg n neues ein“, brummelte er grantig. Als er fertig war, blies er eine Tonleiter. „Na also. Geht doch.“
„Lasst uns mal was spielen“, verlangte der Schlagzeuger. Er schlug einen schnellen Takt an. Tack-tacka-ta-tack. Maria sprang auf die Bühne hinauf. Sie begann sich im Takt des Schlagwerks zu wiegen. Daraufhin beschleunigte der Schlagzeuger den Takt noch zusätzlich. Seine Kumpane setzten mit ihren Instrumenten ein. Sie spielten ein orientalisch klingendes Lied.
Heribert sah fasziniert zu, wie Maria sich der schnellen, aufreizenden Musik anpasste. Ihr schmaler Körper wiegte sich hin und her wie ein Halm im Wind. Wie eine indische Tempeltänzerin wiegte und drehte sie sich. Sie hob die Hände und verschränkte sie überm Kopf, dann machte sie mit den Armen komplizierte Bewegungen im Takt der Melodie. Sie tanzte. Sie war fleischgewordene Musik.
Leute kamen herbei und starrten auf die Bühne. Fotoapparate und Videokameras wurden gezückt. Maria bekam nichts davon mit. Sie tanzte. Ihre nackten Füße stampften den Takt des Schlagzeugs mit, sie tänzelten unter ihrem sich drehenden, gertenschlanken Körper. Mit schlangengleicher Geschmeidigkeit bewegte sich das Mädchen zu den orientalischen Klängen der Rauschpfeifen und Marktsackpfeifen.
Der Schlagzeuger beschleunigte den Rhythmus und legte ein rasantes Stakkato über den dumpfen Grundtakt. Die Blasinstrumente folgten augenblicklich nach.
Oben auf der Bühne stieß Maria einen spitzen Schrei aus. Sie sprang, flog in die Luft wie ein Vogel, als gäbe es keine Schwerkraft für sie. Ihre schlanken Beine öffneten sich zu einem Spagat, für einen Moment schien sie in der Luft zu schweben, schwerelos, die Arme nach oben gereckt, eine seltsame, mystische, lebendig gewordene Blume. Dann berührten ihre bloßen Füße das Holz der Bühne, nur um sofort wieder hochzufedern, ihr Körper wirbelte im Kreis, ihre Hände schrieben unbekannte Worte eines musischen Gedichtes in die warme Sommerluft. Wieder stieß sie ihren Schrei aus, der Schrei eines Raubvogels, laut und frei. Immer wieder sprang sie, landete sie, drehte sie sich, um mitten aus einer schnellen Drehbewegung anzuhalten, ihre Hüften aufreizend zu wiegen, sich mit den Armen fast zu streicheln. Dann wirbelte sie wieder im Kreis, die Arme ausgestreckt, den Kopf in den Nacken gelegt. Ihre Haare flogen im Wind.
Heribert stand mit offenem Mund da. Er vergaß, Fotos zu machen. Fasziniert schaute er Maria beim Tanzen zu. So etwas hatte er noch nie gesehen. Es war eine Mischung aus indischem Tempeltanz, Bauchtanz und … ja und was? Es sah fast wie Rock´n´Roll aus. Einmal schlug sie ein Rad und machte mitten aus der Bewegung heraus einen Salto rückwärts. Ihre nackten Füße landeten mit einem stampfenden Geräusch auf der Bühne, ließen das Holz kurz dröhnen und schon wirbelte sie wieder leichtfüßig im Kreis herum, schienen ihre nackten Füße das Holz fast nicht zu berühren.
Vor der Bühne klatschten die Leute im Takt mit und feuerten Maria mit Pfiffen und Gebrüll an. Die Musiker verlängerten ihre Darbietung in stillem, gemeinsamem Einvernehmen, gaben dem Mädchen dort oben auf der Bühne Raum und Freiheit für seinen selbstvergessenen Tanz. Erst nach 7 Minuten hörte das Lied auf. Sie hatten es zweimal hintereinander gespielt. Maria blieb mitten aus einer Drehbewegung heraus stehen, die bloßen Füße zusammengestellt, die Arme waagrecht abgespreizt, die Hände nach oben gerichtet, den Kopf gesenkt.
Tosender Applaus brandete auf. Die Leute klatschten. Die pfiffen. Sie brüllten.
„Zugabe!“ rief einer und alle fielen mit ein: „Zugabe! Zugabe! Zugabe!“
Maria sah auf. Sie schien aus einem tiefen Schlaf zu erwachen. Unter halbgesenkten Lidern schaute sie auf die grölende Menge, eine Prinzessin, über dem Mob stehend, geadelt von Musik und Tanz. „Ihr steht so weit unter mir. Ich kann euch gar nicht sehen“, schienen ihre Augen zu sagen. Dann zuckte sie zusammen, wurde sie wieder das kleine elfjährige Mädchen. Scheu sah sie aus, fast ängstlich. Ihre Augen suchten Heribert im Gewühl. Schnell hopste sie von der Bühne herunter. Sie lief zu ihm und warf sich ihm in die Arme. Er fing sie auf, drückte sie, spürte ihr kleines Herz in wildem Takt schlagen.
„Das war wundervoll, Maria“, sagte er und küsste ihr Haar. „Einfach wundervoll. So etwas habe ich noch nie gesehen. Du hast uns alle verzaubert mit deinem Tanz.“
Sie gab ein kleines, zufriedenes Geräusch von sich und drückte sich an ihn.
Die Leute baten Maria, noch einmal zu tanzen, doch so sehr sie auch fragten und bettelten, sie ließ sich nicht erweichen. Sie wollte nicht mehr. Heribert forschte in ihrem Gesicht, ob da wieder die schreckliche, trostlose Traurigkeit Einzug hielt, aber sie lächelte selig und ihre Augen leuchteten.
„Ich habe vor lauter Staunen vergessen, Fotos von dir zu machen“, sagte Heribert.
„Nicht schlimm“, antwortete sie und ließ ihn los. „Ich habe Durst.“
Sie gingen zu einer Taverne.

(Fortsetzung folgt)


Zuletzt geändert von Sternchen am 2. Aug 2007, 21:04, insgesamt 1-mal geändert.

Offline Profil
BeitragVerfasst: 20. Jul 2007, 20:24
Beiträge: 10Registriert: 19. Jul 2007, 19:52
He he, da bettelt wohl ein kleines Sternchen um ein bißchen Zuneigung. Und plappern will es auch noch.


Offline Profil
BeitragVerfasst: 20. Jul 2007, 21:57
Beiträge: 3705Registriert: 11. Nov 2006, 17:42
@Sternchen:

Du kannst schreiben! Ich beneide Dich! (Und lese Dich gerne.)


Offline Profil
BeitragVerfasst: 21. Jul 2007, 10:34
BenutzeravatarBeiträge: 303Registriert: 17. Jun 2007, 20:25
Balthus hat geschrieben:
@Sternchen:

Du kannst schreiben! Ich beneide Dich! (Und lese Dich gerne.)


Danke für das Lob, Balthus. Die große Unbekannte aus Teil 2 existiert aber in echt. Ohne ihre Hilfe wären meine Geschichten nicht halb so schön zum Lesen. Teil 4 ist unterwegs. Vielleicht kommt der heute noch zu mir zurück und ich kann die Korrektur-Vorschläge verarbeiten.


Offline Profil
BeitragVerfasst: 21. Jul 2007, 16:53
BenutzeravatarBeiträge: 2228Wohnort: Baden-WürttembergRegistriert: 22. Aug 2005, 19:12
.

Marias Persönlichkeit ist sehr gut beschrieben.
Die Geschichte ist schön aber auch traurig. Schade das Heribert
der Maria sehr mag ihr diese "geschwisterliche" Liebe nicht so geben
kann wie er gerne möchte.
Diese Maria ist ein echt liebes kleines Mädchen.

Mir gefällt was du schreibst und es gibt hier im Forum noch
mehr die deine Geschichte zu schätzen wissen. :D


Offline Profil
BeitragVerfasst: 19. Aug 2007, 21:11
BenutzeravatarBeiträge: 24Registriert: 19. Aug 2007, 21:04
Oh mein Gott! Du schreibst so dermaßen cool! Das ist so klasse! Und so echt, du!
Ach!
Ich gebe dir alle Punke, die man vergeben kann! Echt!


Offline Profil
BeitragVerfasst: 19. Aug 2007, 21:14
Beiträge: 848Registriert: 28. Aug 2006, 12:13
Jessi hat geschrieben:
Oh mein Gott! Du schreibst so dermaßen cool! Das ist so klasse! Und so echt, du!
Ach!
Ich gebe dir alle Punke, die man vergeben kann! Echt!


Du hast aber noch 2 Teile vor dir :)


Offline Profil
BeitragVerfasst: 19. Aug 2007, 21:20
BenutzeravatarBeiträge: 24Registriert: 19. Aug 2007, 21:04
Katzi hat geschrieben:
[

Du hast aber noch 2 Teile vor dir :)

Glaube mir katzi, ich kenne die Teile fast schon. :cry:
Aber das kannst du nicht wissen.


Offline Profil
BeitragVerfasst: 20. Aug 2007, 15:19
BenutzeravatarBeiträge: 806Wohnort: NiederrheinRegistriert: 18. Mai 2006, 11:56
Bin so selten in diesem Teil des Forums,
da habe ich es erst jetzt gesehn.

wunderschön- und ich habe Angst, weiterzulesen...



_________________
Ich höre das Gras schon wachsen,
in das wir alle mal beißen werden.
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BeitragVerfasst: 16. Aug 2008, 00:11
Beiträge: 5Registriert: 23. Aug 2007, 11:52
Die Szene wo sie von hinten anschleicht und dann so lacht, war wunderschön. Das möchte ich auch ein Mal erleben. :) Der Tanz war auch super geschildert. Ich bin froh weitergelesen zu haben. Denn der Anfang im 1. Kapitel war mir eigentlich arg langweilig.Jetzt wirds aber mit jedem Teil besser.


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