Wann werden pädophile Menschen tatsächlich zu Tätern?
Verfasst: 18.05.2026, 19:04
Ein Interview von Matthias Fiedler
13.05.2026, 10.03 Uhr
mit Maus K. Bayer.
Diese Zeilen finde ich da nicht.
ps: gruß an ovid
13.05.2026, 10.03 Uhr
mit Maus K. Bayer.
"Beier: Leider. Wir entwerten Minderheiten, ganz eindeutig. Und bestürzend ist, dass sich die Mehrheit etwas auf ihre Präferenzstruktur einbildet. So als wäre es eine Leistung, sexuell auf das Gegengeschlecht mit dem erwachsenen Körperschema ausgerichtet zu sein. Das ist absolut lächerlich. "SPIEGEL: Herr Beier, wir berichten über einen Segeltrainer aus Hamburg. Er hat jahrelang vorpubertäre Jungen missbraucht. Wie viele Menschen mit einer pädophilen Sexualpräferenz werden tatsächlich straffällig?
Beier: Das ist nicht seriös zu beziffern. Weil wir hier zwei grundsätzlich verschiedene Gruppen betrachten müssen: aus dem Hellfeld und aus dem Dunkelfeld. Im Hellfeld stehen diejenigen, die straffällig geworden und justizbekannt sind. Im Dunkelfeld bewegen sich jene Menschen, die vermeiden wollen, straffällig zu werden. Das meiste passiert im Dunkelfeld und wird Strafverfolgungsbehörden nicht bekannt. Diese Menschen versuchen wir präventiv zu erreichen – mit unserem Beratungsangebot »Kein Täter werden«.
SPIEGEL: Es heißt, bei rund einem Prozent der männlichen Bevölkerung, etwa 350.000 Menschen, besteht eine pädophile oder hebephile Sexualpräferenz, diese Menschen fühlen sich also zu Kindern oder Jugendlichen hingezogen. Das klingt nach einer großen Zahl. Aber nicht alle aus dieser Gruppe werden automatisch zu Tätern?
Beier: Richtig. Die Annahme, dass jemand mit einer pädophilen Neigung zwangsläufig übergriffig wird, ist falsch. Ein erheblicher Teil sexueller Straftaten wird nicht von Menschen mit pädophiler Sexualpräferenz begangen, sondern von Menschen, die situativ handeln, aus einer Gelegenheit heraus, oder weil ganz andere Störungsbilder vorliegen.
SPIEGEL: Der Segeltrainer wusste um seine pädophile Sexualpräferenz mit Ausrichtung auf Jungen, aber er suchte keine therapeutische Hilfe. Erleben Sie das häufig?
Beier: Über diejenigen, die sich nicht melden, wissen wir nichts. Wir wissen aber, dass viele Betroffene große Hemmungen haben, sich zu melden, weil sie fürchten, stigmatisiert zu werden. Sie haben das gesellschaftliche Bild vom »abnormen Monster« verinnerlicht, selbst wenn sie nie übergriffig waren. Das erzeugt Scham, Selbsthass, Geheimhaltung und soziale Isolation. Aber wer sich isoliert, lernt nicht, mit seiner Neigung umzugehen.
SPIEGEL: Aus Angst, dass schon das Reden über die Neigung sie zu Verdächtigen macht?
Beier: Genau. Betroffene berichten immer wieder von diesem inneren Konflikt: Sie wollen Hilfe, aber fürchten, dass allein die Offenbarung negative Konsequenzen hat. Dass jemand die Polizei ruft, obwohl sie sich gar nicht strafbar gemacht haben. Das ist eine zentrale Barriere für Therapie, und damit auch eine vertane Chance, Opfer zu verhindern.
SPIEGEL: Der Segeltrainer behauptete, die Kinder suchten seine Nähe. Alles sei im Einverständnis geschehen. Ist das Täter-Rhetorik, oder was steckt dahinter?
Beier: Das ist vor allem eine massive Wahrnehmungsverzerrung. Die Täter reden sich ein, die Kinder seien an sexuellen Handlungen mit ihnen interessiert, weil das ihre Handlungen legitimiert.
SPIEGEL: Wie entsteht so eine Annahme?
Beier: Der Startpunkt sind immer soziale Beziehungen. Meist sucht sich der Täter Kinder, die aus schwierigen sozialen oder familiären Verhältnissen kommen. Kinder, die nach Halt suchen, nach Aufmerksamkeit. Das erkennen die Täter schnell. Sie machen dann Geschenke, sponsern Ausflüge und bauen Vertrauen auf. Und dann nutzen sie genau das aus.
SPIEGEL: Der Junge, den der Trainer missbraucht hat, fürchtete in der Pubertät, irgendwann selbst zum pädophilen Täter zu werden. Ist das eine typische Sorge von Missbrauchsopfern?
Beier: Sie ist nicht ungewöhnlich. Aber die große Mehrheit der Missbrauchsopfer wird nicht zu Tätern.
SPIEGEL: Der Täter war 19, als er nachweislich zum ersten Mal einen minderjährigen Jungen missbraucht hat. Wenn er damals zu Ihnen gekommen wäre: Was hätten Sie getan?
Beier: Zunächst eine Diagnostik. Mit 16, 17 Jahren zeigt sich die sexuelle Präferenz deutlich in den Masturbationsfantasien. Wir prüfen, ob der Betroffene sich ausschließlich für Kinder und Jugendliche interessiert oder auch für Erwachsene. Und dann arbeiten wir daran, dass sich gefährliche Denkmuster gar nicht erst festsetzen.
SPIEGEL: Wie läuft das ab?
Beier: Wir arbeiten in Gruppen- oder Einzeltherapien mit Risikoszenarien und Rollenspielen. Ein Kind ist freundlich, sucht Nähe, will Anerkennung. Und wer als Erwachsener diese Präferenz hat, muss lernen, das nicht als sexuelles Signal zu deuten.
SPIEGEL: Wie lässt sich dieses Risiko senken?
Beier: Die sexuellen Fantasien selbst können wir niemandem nehmen. Aber das Verlangen nach Nähe, nach echtem Kontakt zu Menschen, das muss woanders gestillt werden: in Beziehungen zu erwachsenen Menschen, die wissen, welches Problem vorliegt. Wer das mit sich allein ausmacht, hat die schlechteste Option gewählt, die es gibt.
SPIEGEL: Aber nur weil man sich der Familie oder guten Freunden anvertraut, verschwindet doch die sexuelle Neigung nicht – zumal das auch viel Überwindung kostet.
Beier: Nein, aber die Sorge, nicht mehr akzeptiert zu werden, wird dadurch meist zerstreut. Der Betroffene weiß dann: Ich bin nicht allein damit. Wenn es eng wird, kann ich jemanden einbeziehen – wie ein Diabetiker, dessen Umfeld über die Erkrankung Bescheid weiß. Das hilft, Risikosituationen zu vermeiden und wenn nötig zu entschärfen.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt das berufliche Umfeld?
Beier: Eine große. Wir raten davon ab, sich Jobs zu suchen, in denen Kinder geballt an einem Ort versammelt sind, wie Schulen, Kitas oder Sportvereine. Betroffene müssen ihre Lebensplanung entsprechend anpassen, Risikosituationen erkennen und ihnen aus dem Weg gehen. Medikamente können das unterstützen.
SPIEGEL: Sie meinen Testosteronsenker?
Beier: Ja, antiandrogen wirkende Medikamente dämpfen das Verlangen und erhöhen die Impulskontrolle. Ich empfehle, sie zu nehmen, bevor jemand übergriffig wird oder anfängt, kinderpornografisches Material zu konsumieren.
SPIEGEL: Sie sprachen jüngst von einer »Pandemie« bei Missbrauchsabbildungen im Netz. Was meinen Sie damit?
Beier: Das Internet wird immer mehr zum Übertragungsweg für Missbrauchsabbildungen und macht es Menschen leichter, gezielt nach solchen Inhalten zu suchen. Und was dort kursiert, wird immer extremer. Da werden in Fotos und Videos nicht nur sexuelle Handlungen abgebildet, sondern auch sadistische Szenen mit sehr kleinen Kindern. Und die KI gibt dem Missbrauch eine völlig neue Dimension.
SPIEGEL: Was hat die künstliche Intelligenz verändert?
Beier: Mit ihr ist es ein Leichtes, den Nachbarsjungen in sexuelle Szenarien zu montieren – dazu genügt ein einziges Foto. Die Bilder wirken so echt, dass das Kind freundlich-zugewandt wirkt und den Eindruck erweckt, als wolle es das wirklich. Das verstärkt genau jene Wahrnehmungsverzerrungen, die so gefährlich sind und die auch das Verhalten beeinflussen. So entsteht ein Sog, der Taten begünstigen kann.
SPIEGEL: Wie sehr erschwert diese Schwemme von Bildern und Filmen die Präventionsarbeit?
Beier: Extrem. Das Grundübel ist eine Open-Source-Software namens Stable Diffusion. Der Entwickler hat rund 100 Millionen Euro in diese Technologie investiert. Die Anwendungen, die daraus entstanden sind, bekommt man teils kostenlos, auch zur Herstellung von Missbrauchsabbildungen. Und ob ein Bild echt ist oder gefälscht, sieht man schlicht nicht mehr.
SPIEGEL: Die Behörden sind mit der Verfolgung strafrechtlicher Inhalte im Netz schon jetzt völlig überfordert.
Beier: Man müsste Technik gegen Technik setzen. Es gibt Wege, solche Inhalte auf dem Handy zu blockieren, bevor sie angezeigt werden. Und auch bei der Auswertung von pornografischem Material könnte die KI helfen. Nur verdient man damit kein Geld. Und den politischen Willen, das trotzdem durchzusetzen, den gibt es bisher nur bedingt. Ermutigend ist, dass die Europäische Union angekündigt hat, künftig gegen sexualisierte Deepfakes vorzugehen – vor allem gegen Inhalte, die den Missbrauch von Kindern darstellen.
SPIEGEL: In welchem Alter fangen Sie mit Präventionsarbeit an?
Beier: So früh wie möglich. Seit 2014 haben wir ein Angebot für Jugendliche, weil sich diese sexuelle Neigung meist im Alter von 15, 16 Jahren – entgegen ihrer Hoffnung – als nicht mehr veränderbar erweist. Genau da muss man eingreifen, bevor sich die Person strafbar macht. Fantasie ist nicht gleich Verhalten. Wenn wir die Betroffenen früh erreichen, also bevor sie handeln, schützen wir Kinder und Jugendliche.
SPIEGEL: Das Ziel ist also, Menschen mit pädophiler Neigung anzusprechen, die nicht aktenkundig sind und sich melden, damit sie keine Straftaten begehen.
Beier: Genau. Das gelingt nur mit anonymen Hilfsangeboten und einer Gesprächsführung, die dazu ermutigt, Verantwortung zu übernehmen. Sonst steigt der Widerstand und man verliert die Leute wieder an die Geheimhaltung.
SPIEGEL: Wie hoch ist die Rückfallquote, wenn jemand bei Ihnen in Behandlung war?
Beier: Direkte Übergriffe sind nach Therapie äußerst selten. Die Häufigkeit lag bei einer Nachuntersuchung über den Zeitraum von sechs Jahren bei sieben Prozent, das waren zwei Fälle. Viel höher ist die Rückfallquote bei der Nutzung von Missbrauchsabbildungen. Sie liegt trotz intensiver Anstrengungen bei 50 Prozent. Mit Medikamenten sinkt sie nahezu auf null. Allerdings beziehen sich diese Zahlen auf Menschen in Behandlung, nicht auf das eine Prozent aller Betroffenen insgesamt, über die wir noch zu wenig wissen.
Diese Zeilen finde ich da nicht.
ps: gruß an ovid