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BeitragVerfasst: 15.02.2022, 21:53 
Die Figur des „Pädophilen“ ist nicht nur eine Person, die zu sexualisierter Gewalt gegenüber Kindern neigt und diese im schlimmsten Fall auch auslebt. In verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Kontexten wird der „Pädophile“ auch zu einer abstrakten Kategorie – und wird häufig herangezogen, um Gewalt gegenüber einer bestimmten Gruppe zu rechtfertigen. Die Gender- und Kulturwissenschaftlerin Katrin M. Kämpf nähert sich in ihrem neuen Buch „Pädophilie. Eine Diskursgeschichte“ dem Thema an

Katrin, wie bist du dazu gekommen, ein Buch über die Diskursgeschichte von Pädophilie zu schreiben? Ich habe angefangen, mich mit Pädophilie zu beschäftigen, als es 2004 einen Skandal um eine Ausstellung in Kreuzberg gab. Freundinnen von mir wurden der Pädophilie-Befürwortung bezichtigt. Dabei gab es dort keine Befürwortung, sondern nur Kunst über Sexualität, Kindheit, Jugend und auch Gewalt. Der Skandal hatte eine politische Dimension, da die Ausstellung vom Bezirk gefördert war. Die Boulevardpresse hatte die Gelegenheit genutzt, um der PDS-Bürgermeisterin eins reinzuwürgen. Ich habe mich gefragt: Warum reicht das Schlagwort „Pädo“ aus, um eine Eskalationsdynamik zu entfalten, in der niemand mehr genau hinguckt, was da ausgestellt wird? Meine These war, dass das in der Geschichte der Kategorie Pädophilie liegt, die eben keine Kinderschutzkategorie ist und im Laufe des 20. Jahrhunderts auch politisch instrumentalisiert wurde.

Wie wurde Pädophilie denn ursprünglich verstanden? Im 19. Jahrhundert prägte der Sexualpathologe Krafft-Ebing den Begriff. Für ihn war Pädophilie eine seltene Sexualpathologie: eine Neigung zu Kindern, die nicht zwingend zu Übergriffen führen müsse und, anders als oft behauptet, bei Homosexuellen sehr selten sei. Magnus Hirschfeld verstand Pädophilie später als krankhafte Entwicklungsstörung, in der das Begehren nicht mit der Person selbst mitreifen würde, also vereinfacht gesagt, im Kindesalter stehen bleiben und sich deswegen auf Kinder richten würde.

„Rechte Strömungen haben sich Strategien vom NS-Regime mit seinen antisemitischen 'Kinderschänder'-Denkfiguren abgeschaut“

Und heute? Viele Aspekte des Lebens nehmen wir als Risiken wahr und versuchen sie zu managen. In der Pandemie ist das sehr alltäglich geworden. Ein ähnliches Denken wurde ab den 1990er-Jahren in der Sexualwissenschaft lauter, unter anderem weil eine Studie ergeben hatte, dass verurteilte Sexualstraftäter*innen, die auch pädophil sind, ein hohes Risiko haben, rückfällig zu werden. Daraus ergab sich für die Sexualwissenschaft die Dringlichkeit, sich in Sachen Pädophilie mit Risikomanagement zu beschäftigen. Nach diesem Denken operiert z. B. das Projekt „Kein Täter werden“, wo Betroffene lernen sollen mit ihrem in die Realität nicht umsetzbaren Begehren umzugehen, es zu managen.

In rechten Verschwörungserzählungen, z. B. rund um QAnon, werden Pädophile als Feindbild konstruiert. Welche Taktik steckt dahinter? Rechte und neonazistische Strömungen haben sich Strategien vom NS-Regime mit seinen antisemitischen „Kinderschänder“-Denkfiguren abgeschaut. Deswegen gibt es heute die „Todesstrafe für Kinderschänder“-Slogans. So versuchen sie, über die Instrumentalisierung von – oft nur vermeintlichen – Kinderschutzanliegen Anschlussfähigkeit zu schaffen und zur Gewalt zu ermächtigen. Das passiert, indem massive Bedrohungsszenarien wie etwa die QAnon-Erzählung heraufbeschworen werden und behauptet wird, es gäbe ein pädophiles, mit Regierungen verstricktes Netzwerk, das Kinder entführen würde, um deren Blut abzuzapfen. Klingt bizarr, aber z. B. die Leute, die den Reichstag gestürmt haben, fühlten sich ermächtigt, zur Tat zu schreiten. Unter ihnen waren Anhänger*innen dieser Verschwörungserzählung.

Das Pädophilen-Feindbild ist also auch antisemitisch aufgeladen. Was hat es damit auf sich? Das fand in der NS-Zeit am deutlichsten in der Propagandazeitung „Stürmer“ statt. Narrative waren üblich, die auf alte Ritualmord-Legenden zurückgriffen und behaupteten, Jüdinnen und Juden würden Kinder entführen und ermorden. Diese Erzählungen wurden dort ins Sexuelle gewendet. Dahinter wurde ein politisches Projekt imaginiert, mit dem die „arische Volksgemeinschaft“ geschädigt werden sollte.

„In trans*feindlichen Strömungen gibt es die Idee von der Verführung von Kindern oder der Gehirnwäsche durch eine angebliche ,Trans-Lobby'“

Inwiefern ist Queerfeindlichkeit mit dem Vorwurf der Pädophilie verschränkt? Diese Verknüpfung muss schon im 19. Jahrhundert so dominant gewesen sein, dass sich Krafft-Ebing explizit davon distanzierte. Das Phänomen zieht sich durchs gesamte 20. Jahrhundert und wird besonders deutlich im Vorwurf der „Frühsexualisierung“ oder „Verführung zur Homosexualität“. Gegenwärtig kriegen das vor allem trans Frauen ab: In trans*feindlichen Strömungen gibt es die Idee von der Verführung von Kindern oder der Gehirnwäsche durch eine angebliche „Trans-Lobby“, und Trans*-Inklusion wird in Dominostein-Logik mit der dadurch angeblich drohenden Inklusion von Pädophilie in LGBTQ* assoziiert.

In der sexuellen Revolution der 60er-Jahre sind Pädophile als identitätspolitische Gruppe in Erscheinung getreten, die Akzeptanz suchte. Wodurch wurde das begünstigt? In der BRD spielten während der sexuellen Revolution Überlegungen zu kindlicher Sexualität eine tragende Rolle in der Aufarbeitung der NS-Zeit. Die Idee war, dass in der sexuellen Unterdrückung die Wurzel des Faschismus liege. Deshalb müsse auch die kindliche Sexualität befreit werden, damit aus Kindern keine autoritären Charaktere werden würden. Daran anschließend konnten sich Pädophile als Befreier*innen kindlicher Sexualität inszenieren. In der queeren Community gab es außerdem eine Überschneidung auf der rechtlichen Ebene durch den Paragrafen 175, wegen der höheren Schutzaltersgrenze für schwule Männer. Der Kampf um das Schutzalter wurde also in gewisser Hinsicht mit den Pädos geteilt. Wobei sich heute fast alle mir bekannten Organisationen von damaligen Kooperationen mit Pädos deutlich distanzieren.

Wie war der Pädophilie-Diskurs in der DDR? In der DDR wurde Pädophilie durchaus erforscht, galt aber eher als Randerscheinung. Manchmal auch als Phänomen des Westens, das sich im Sozialismus und mithilfe sorgfältiger Sexualaufklärung der Kinder erledigen würde. Gleichzeitig herrschte aber eine Kultur des Schweigens um sexualisierte Gewalt. Die Thematisierung fiel oft der Zensur zum Opfer.

„Es hat mich am meisten überrascht, wie wenig die Kategorie Pädophilie mit Kinderschutzanliegen zu tun hat“

Die Diskurse über Pädophilie und sexualisierte Gewalt gegen Kinder werden oft zusammengedacht, obwohl das eigentlich zwei Themen sind. Was ist deiner Ansicht nach der Unterschied? Das sind zwei sehr gegensätzliche Strategien: Die eine richtet ihren Blick auf potenzielle und tatsächliche Täter*innen. Die andere auf Betroffene sexualisierter Gewalt. Letzteres ist erst mit den feministischen Bestrebungen der 70er aufgekommen.

Welches Fazit ziehst du aus deiner Arbeit? Es hat mich am meisten überrascht, wie wenig die Kategorie Pädophilie mit Kinderschutzanliegen zu tun hat. Sie wurde und wird zwar immer wieder im Namen eines oft nur vermeintlichen Kinderschutzes für reaktionäre Politiken instrumentalisiert, nutzt aber wenig in der tatsächlichen Verhinderung von sexualisierter Gewalt. Wir haben auch heute noch keinen Weg gefunden, Kinder sprechen zu lassen. Ein Kind, das Gewalt erfährt, findet nach wie vor nur sehr schwer Ansprechpartner*innen und Hilfe. Die Abhängigkeit, die Kinder von Erwachsenen haben, müsste sich radikal ändern, damit Kinder wirklich gehört werden können.
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