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BeitragVerfasst: 16.06.2021, 12:46 
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Sie nennt sich „ Unabhängige Aufarbeitungskommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“. In meinem Verständnis von Aufarbeitung geht es um eine umfassende, unvoreingenommene Betrachtung von Geschehnissen, deren Einordnung, Ursachen und Bewertungen. In dieser Erwartung habe ich mich für das Symposium angemeldet. Die Veranstaltung dauerte von 10:00 – 16:00 Uhr inkl. Pausen. Der Begriff Aufarbeitung wird in diesem Kontext anders benutzt als ich es mache. Aufarbeitung in diesem Kontext nimmt die Schuldfrage vorweg und sucht nach Schuldigen. Da ich das nicht wusste, wuchs mit jeder Stunde mein Entsetzen. Ich war darauf einfach nicht vorbereitet. Das zu Erklärung meiner naiven Fragen. (Um Fragen stellen zu dürfen brauchte man eine vorherige Zulassung durch den Veranstalter. Die Auswahlkriterien wurden nicht kommuniziert.)

Die Definition der Kommission von Missbrauch unterscheidet streicheln nicht von schlagen, küssen nicht von Vergewaltigung. Jede Form von Sexualität mit einem Menschen unter 14 ist Gewalt. Da ist es nur folgerichtig, wenn der Aufruf nach „Geschichten“ sich ausschließlich auf Missbrauch bezieht. Sollte ein Mensch in seiner Kindheit den sexuellen Kontakt nicht als Gewalt erlebt haben, dann nur, weil Kinder sexualisierte Gewalt nicht erkennen können. Punkt.
Dazu habe ich diese Fragen gestellt:
1) Durch die heutige Darstellung und Form der Aufarbeitung wird eine vielschichtige Diskussion durch eine einseitige Bewertung kriminalisiert. Die Begriff „Aufarbeitung“ suggeriert eine vorurteilsfreie Betrachtung. Ist sich die Kommission bewusst, dass ihre Arbeit Menschen auf der eine Seite zu Opfern macht, die sich bisher nicht als Opfer wahrgenommen haben und zum anderen Pädophile stigmatisiert?
2) Es wird ausschließlich nach Opfern gesucht. Die gewählte Definition von „sexuellem Kindesmissbrauch“ macht auch alle zu Opfern. Damit werden Menschen diskriminiert, die ihre Erfahrung positiv bewerten. Eine Umdeutung dieser Erfahrungen ist extrem übergriffig. Wie will die Kommission diesen Menschen gerecht werden. Oder sind die egal?
Vorweg: Weder diese noch irgendeine meiner weiteren Fragen wurden beantwortet.

Die Untersuchungen zu pädophilen Netzwerken haben die Absicht Verantwortliche auszumachen. Schuldige zu benennen. Alles, was damals in Bezug auf kindliche Sexualität diskutiert wurde, wird heute kriminalisiert. Eine differenzierte Sicht auf die damaligen Verhältnisse wird nicht vorgenommen. Im Gegenteil: Diese erscheint unerwünscht. Das Wirken von Helmut Kentler (Psychologe, Sexualwissenschaftler und Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hannover) in den 70er und 80er Jahren wird aus dem Zusammenhang gerissen und diskreditiert. Eine durchgängig Unterstellung lautet: Dieser Mann ist ein Pädokrimineller, dessen einziges Ansinnen es war, unschuldige Kinder an Kumpane zu vermitteln. Vollkommen ausgeblendet wird die durchaus auch brutale Welt der Heimerziehung, die Kinder und Jugendliche auf vielfältige Weise Schaden zugefügt hat.
Dazu habe ich diese Frage gestellt:
Alle, was die damaligen Akteure gemacht haben wird kriminalisiert. Inklusive der Wissenschaft. Die durchgängige Unterstellung, Kinder ausbeuten und schaden zu wollen, ist unfassbar. Heute ist kriminell, wer nicht die Auffassung der Kommission teilt. Besteht die Absicht gegenteilige Meinungen zu tilgen? Also konkret bspw. Veröffentlichungen von Helmut Kentler zu verbieten?

Durchgängig wurde von Pädosexuell, Pädokriminell, Pädophil gesprochen. Ich habe selten so oft die Silbe Pädo gehört. Insgesamt wurde der Eindruck geschaffen, das Pädophilie das Problem sexueller Gewalt ist. Dazu der Vorbericht über das Wirken „pädosexueller Netzwerke“ in den 70er bis 90er Jahren. (Der Begriff „Vorbericht“ bedeutet in diesem Fall, dass man weitere folgen lassen wird, die einzig den Zweck haben, diesen zu bestätigen.)
Meine Fragen dazu:
1) Ist der Kommission bewusst, dass sie mit ihren Begrifflichkeiten die Ausgrenzung und Isolation von Pädophilen weiter befördert? Werden kritische Fragen zur Form der Aufarbeitung überhaupt zugelassen oder, fast noch schlimmer, gibt es keine?
2) Die Beiträge suggerieren die Existenz großer pädophiler Netzwerke. Nach meiner Kenntnis gibt es die heute nicht mehr. Auch nicht die angeblichen „Strukturen“. Ich erlebe viel mehr das Leid pädophiler Menschen die vollkommen isoliert und ausgegrenzt sind. Es gibt nicht mal Selbsthilfegruppen, weil die Angst vor Verfolgung zu groß ist. Es sind Menschen, die eben nicht Täter sind sondern auch Opfer. Nochmal: Die Aufarbeitung in dieser Form, mit diesen Begrifflichkeiten, schafft durch Stigmatisierung neue Opfer.

Es gab nach dem Symposium drei Breakoutrooms, in denen man miteinander sprechen konnte. In meinen Raum zum Thema „Pädosexuelle Netzwerke“ konnte ich dann tatsächlich Fragen stellen. Die freie Historikerin Iris Hax und der Kulturwissenschaftler Sven Reiß haben die Vorstudie erarbeitet und den Raum geleitet. Offensichtlich war die pädophile Szene damals extrem gut vernetzt und relativ groß. Ziel der diversen Gruppen war es, so die Meinung der Wissenschaftler, pädokriminelle Positionen zu legitimieren. Was immer man von den Forderungen halten mag: eine Meinung zu haben darf nicht kriminalisiert werden. Was mich dann wirklich erstaunt hat: Laut Aussage von Herrn Reiß wirken diese Netzwerke und Strukturen bis heute. Sie haben weder nennenswert an Größe eingebüßt noch an Gefährlichkeit. Sie reichen in höchste Kreise. Richter, Staatsanwälte,Politiker … Der Einfluss ist immens.
Diese Aussage steht diametral entgegengesetzt zu meiner Wahrnehmung pädophiler Lebenswirklichkeit in 2021. Darum habe ich gefragt:
In meiner Arbeit erlebe ich Menschen, die ausgegrenzt und isoliert werden. Es gibt nicht mal nennenswerte Selbsthilfegruppen. Wo gibt es denn diese Netzwerke?
Die Antwort: GLF, Krumme13.. und ich müsste doch nur googeln, dann würde ich die finden. Noch seltsamer war nur die Definition von „Strukturen“. Womit offenbar gemeint ist, dass sich Menschen kennen.
Die Antwort verrät einiges über die Absicht:
Es wird ein bedrohliches Szenario aus weitreichenden pädokriminellen Netzwerken und Strukturen suggeriert. Viel Feind. Viel Ehr. Jede Diskussion über kindliche Sexualität wird kriminalisiert. Gewalt wird neu definiert (bis zum sich selbst ad absurdum führenden Begriff: „Sexualisierte Gewalt ohne Gewalt.). Die Definition von Missbrauch wurde in den letzten Jahren extrem ausgeweitet. Die Kommission beschreibt ihr Verständnis von Missbrauch so:

„Jede sexuelle Handlung, die an Mädchen und Jungen gegen ihren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können. Täter und Täterinnen nutzen dabei Macht- und Autoritätspositionen aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des betroffenen Kindes zu befriedigen.

Kinder – nach strafrechtlicher Definition minderjährige Personen unter 14 Jahren – können sexuellen Handlungen aufgrund ihres Entwicklungsstands grundsätzlich nicht zustimmen. Das bedeutet, dass Missbrauch selbst dann vorliegt, wenn ein Kind mit der Handlung einverstanden wäre oder diese aktiv herbeigeführt hätte.“

Strafrechtliche Definitionen dienen dem Zweck eine strafrechtliche Abgrenzbarkeit zu schaffen. In anderen wissenschaftlichen Bereichen müssen andere Definitionen oder Begriffe benutzt werden. Gerade in der Pädagogik, Psychologie und in gesellschaftlichen Diskussionen ist es unerlässlich differenziertere Begrifflichkeiten zu wählen. Wenn es keine Unterschied mehr macht, ob ich ein Bild betrachte oder einen Menschen vergewaltige ist ein Austausch nicht mehr möglich. Mein Eindruck ist, das keiner der Beteiligten diesen will. Es geht einzig darum eigene Werte und Normen in der Gesellschaft zu verankern. Um diese Ziel zu erreichen scheint jedes Mittel recht.

Das war kein Symposium, das war ein Tribunal. Der Unterschied zu Hass und Hetze im Internet ist der wissenschaftliche Anstrich und das Bemühen, sich nicht im Ton zu vergreifen.

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BeitragVerfasst: 16.06.2021, 22:17 
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du bist wie reitschuster in der bundespressekonferenz. immerhin konnten ueberhaupt diese fragen gestellt werden. ich halte diese grossen paedo netzwerke auch fuer verschwoerungstheorien. zumindest hier in DE. wie es im ausland aussieht keine ahnung.
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BeitragVerfasst: 17.06.2021, 19:35 
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Vielen Dank für diesen Text und deinen Einsatz. So geht Aufarbeitung richtig. :)
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BeitragVerfasst: 21.06.2021, 09:43 
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weixi2 hat geschrieben: immerhin konnten ueberhaupt diese fragen gestellt werden.
Da habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt: Meine Fragen wurden NICHT angenommen, also nicht gestellt und damit auch nicht beantwortet. Es wurden nur unkritische Fragen zugelassen. Eine kontroverse Debatte, ein Hinterfragen der Behauptungen und der Begrifflichkeiten ist nicht erwünscht.
Lediglich in dem nicht öffentlichen Breakoutroom war es mir möglich zu fragen. Auch da waren meine Fragen spürbar unerwünscht.

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BeitragVerfasst: 21.06.2021, 13:15 
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AoA: 6~11 flauschig sind!
Es ist an der Zeit eine eigene unabhängige Kommission zur Aufarbeitung zu gründen!

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Die staatliche Vernichtung von Puppen muss sich für ihre Besitzer wie die Ermordung eines geliebten Familienmitgliedes anfühlen. Konsequent gegen die politische Verfolgung und Inhaftierung von unschuldigen Menschen!
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BeitragVerfasst: 26.06.2021, 12:49 
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Erst mal Danke an Wolfgang, wenn sichlich auch leicht gefärbt von Deiner Position aus fand ich Deinen Text sehr informierend. Schade das man nicht auf Deine Fragen - ich vermute Du mußtest sie vorab schriftlich einreichen- eingegangen ist, bestimmt waren sie für dieses Podium zu polarisierend. Ich frage mich ob man sie nicht als kleine Anfrage an den Bundestag - oder abgeornete schicken kann.
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