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BeitragVerfasst: 14.11.2022, 16:55 
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Ich habe noch nie verstanden, wieso das Weinen als schlimm dargestellt wird. Im Gegenteil ist das gesund für uns und überhaupt ist es aus meiner Sicht wichtig, Emotionen zu zeigen. Auch Erwachsene sollten die Tränen zulassen (können). Ein Kind wünscht sich da dann zumeist die Unterstützung seiner Eltern oder von anderen erwachsenen Bezugspersonen. Das weiß ich auch noch gut aus meiner eigenen Kindheit.

Schlimm hierbei ist es dann, wenn so eine Frage wie "Willst du eine Heulsuse sein?" als Reaktion darauf kommt. Sicherlich ist es als Aussage noch schlimmer, aber das Wort "Heulsuse" sollte allgemein keine Verwendung finden. Oft benutzen Erwachsene die Wörter unbedacht und Außenstehende scheinen das in der Regel genauso wenig zu hinterfragen oder darauf hinzuweisen.

Das kleine Mädchen wünschte sich die Hilfe von seiner Mutter, wurde dann aber mit den Problemen und Sorgen nicht ernstgenommen. Ich habe häufiger das Gefühl, dass Erwachsene nur ihren eigenen, "erwachsenen" Problemen Bedeutung beimessen, während die Probleme von Kindern heruntergespielt werden. Es ist nun einmal aus der Sicht des Kindes bedeutend. Die Probleme und Sorgen von Kindern sind nicht weniger relevant.

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BeitragVerfasst: 15.11.2022, 17:11 
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Zumal das Weinen auch Ausdruck von Gefühlen ist, die anders noch nicht eingeordnet werden können. Kleine Kinder weinen aus Kummer, Wut, weil ihnen etwas nicht gefällt. Oder einfach nur um Beachtung zu finden. Je größer sie werden, desto differenzierter wird ihre Sprache.

Das Weinen von größeren Kindern, also im Grundschulalter, sollte genauso beachtet werden wie das von den kleineren. Und wer kennt es nicht aus eigener Erfahrung, dass Tränen die Trauer lindern und Abhilfe schaffen?

Wie geht ihr mit solchen Situationen, wie von dir beschrieben, in eurem Team um? Gibt es Kolleginnen, die das Weinen als wertlos abtun? Wie tretet ihr den Eltern gegenüber?

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"You can't force someone to stop just because you're disgusted. And you can't create laws just because of personal obejections" (Shinji, Manga artist)
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BeitragVerfasst: 16.11.2022, 21:26 
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Ich kenne den Satz noch aus meiner Kindheit "Indianer weinen nicht."
was natürlich quatsch ist - aber hinterfrag als Kind mal so einen Spruch

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BeitragVerfasst: 17.11.2022, 15:34 
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Horizonzero hat geschrieben:
16.11.2022, 21:26
Ich kenne den Satz noch aus meiner Kindheit "Indianer weinen nicht."
was natürlich quatsch ist - aber hinterfrag als Kind mal so einen Spruch
In meiner Kindheit: Ein deutscher Junge weint nicht!

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Die staatliche Vernichtung von Puppen muss sich für ihre Besitzer wie die Ermordung eines geliebten Familienmitgliedes anfühlen. Konsequent gegen die politische Verfolgung und Inhaftierung von unschuldigen Menschen!
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BeitragVerfasst: 17.11.2022, 16:17 
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Luna hat geschrieben:
17.11.2022, 15:34
In meiner Kindheit: Ein deutscher Junge weint nicht!
Dann bist du ja ein Senior! Seit 77 Jahren dürfen deutsche Jungen auch wieder weinen.

Als ich Kind war, das ist auch schon länger her, doch damals wurden wir nicht wegen Gefühlsäußerungen verspottet.
Auch heute ist es eher selten, daß eine Mutter ein weinendes Kind noch obendrauf ausschimpft.
Wenn ihr hier also die Eltern für gefühlskalt erklärt, bedenkt, was diese vorher durchgemacht haben könnten. Einen ganzen Tag, werktags und Feiertags und auch noch im Urlaub quengelnde Kinder um sich zu haben, ist schwere Arbeit.
Dann darf man auch mal genervt sein. Daß euch Pädos die Kinder nicht nerven, könnte auch daran liegen, dass ihr sie nicht ständig um euch habt :wink:
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BeitragVerfasst: 18.11.2022, 03:22 
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Ich glaube hier sind eher weinende Kinder gemeint. Quengeln und nerven ist was anderes :wink:

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BeitragVerfasst: 18.11.2022, 14:00 
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....Ich habe häufiger das Gefühl, dass Erwachsene nur ihren eigenen, "erwachsenen" Problemen Bedeutung beimessen, während die Probleme von Kindern heruntergespielt werden...
Ist es nicht eine Frage der guten Kommunikation, oder das Fehlen einer solchen? Viele Menschen sind - aus Unwillen oder Unvermögen - angeblich nicht oder nur schlecht in der Lage, Kindern (und auch einander) wirklich zuzuhören, um herauszufinden, was wirklich in ihnen vorgeht. Was ihre Probleme sind.
Worüber bist du wütend/traurig/frustriert? Und warum?

Natürlich muss man ihre Probleme ernst nehmen, denn damit nimmt man sie ja auch selbst ernst.
Allerdings kann sich nicht jedes Kind ebenso gut verbal ausdrücken;
in diesem Fall ist es Aufgabe der Eltern/Erzieher, es darin zu befähigen.
Ich denke, es ist oft ein gewisser Mangel an Empathie oder Einfühlungsvermögen seitens der Erwachsenen, der es ihnen schwer macht, mit Kindern 'mitzudenken', um sich so in ihre Welt hineinversetzen.

Einmal habe ich mit einem Kumpel und seinem Söhnchen Fußball gespielt. Der Junge fiel hart auf seine Hände und brach in Tränen aus. Die erste Reaktion des Vaters war, (ziemlich) wütend zu werden, "weil das Kind nicht darauf gehört hatte, vorsichtig zu sein". Ich dachte: Das könnte besser sein, und ging auf das Kind zu, fragte, was passiert sei, und fragte, ob ich seine Händchen sehen könne. Ich schätzte mit ihm ein, dass es schmerzhaft war, aber der Schaden war nicht unüberwindbar. Ich informierte ihn über die wahrscheinliche Ursache (falsche Schuhe), und wie er das also in Zukunft verhindern kann.
Er dachte sichtbar darüber nach, kam zu demselben Schluss und spielte dann wieder Fußball. Wiederum:
Kommunikation!

Ich denke, es hängt sicherlich auch davon ab, welche Art von Erziehung man selbst genossen hat. Nach eigener Angabe hatte der Vater des Jungen selbst eine ziemlich harte Erziehung von seinem Vater.
'l'histoire se répète', ('die Geschichte wiederholt sich'). :roll:
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BeitragVerfasst: 01.12.2022, 20:48 
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Ich weine ziemlich oft und habe das auch als Kind. Ich hatte Glück, dass ich fast immer Verständnis und Empathie von meiner Umgebung bekommen habe und ernst genommen wurde. Es ist egal, ob einem Erwachsenen der Grund banal erscheint, für ein Kind ist es das nicht und das sollte respektiert werden.
Thomas hat geschrieben: [...] Ich dachte: Das könnte besser sein, und ging auf das Kind zu, fragte, was passiert sei, und fragte, ob ich seine Händchen sehen könne. Ich schätzte mit ihm ein, dass es schmerzhaft war, aber der Schaden war nicht unüberwindbar. Ich informierte ihn über die wahrscheinliche Ursache (falsche Schuhe), und wie er das also in Zukunft verhindern kann.
Er dachte sichtbar darüber nach, kam zu demselben Schluss und spielte dann wieder Fußball. Wiederum:
Kommunikation! [...]
Das hat mich gerührt und finde ich sehr schön, wie du da reagiert hast. :herz:

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BeitragVerfasst: 05.12.2022, 22:27 
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Dieser Thread über die unterschiedlichen Gefühle von Kindern, über die verschiedenen Weisen, wie sie diese äußern, und vor allem wie wir als Erwachsene damit umgehen können/sollen, finde ich derart interessant und auch wichtig, dass er meiner Meinung nach noch etwas mehr Vertiefung verdiente; zumal es ein viel umfassendes Thema ist, das weiter geht als nur das Weinen.

naylee hat geschrieben:
15.11.2022, 17:11
[...]Oder einfach nur um Beachtung zu finden.[...]
Diese Bemerkung von Naylee ist eine, die man schnell überlesen könnte, aber vor allem dieser Mangel an Aufmerksamkeit und Beachtung ist, so vermute ich, die Erklärung für viel großes und kleines Leid und Weinen sowohl bei den Kleinen als auch bei den etwas größeren Kindern. Weinen ist für Kinder genau wie für Jungtiere im Tierreich ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Vor allem Mütter haben ein instinktives 'Radar' für den Klang von weinenden Kindern. Ob es sich nun um offensichtliche Ursachen wie Hunger, Schmerzen oder Kälte handelt oder um weniger deutliche wie Frustration, Angst oder Trauer - ein Kind weint nie einfach ohne Grund.
Ich denke, dass Frustration, oftmals als Folge von zugrundeliegender Unwissenheit, manchmal auch eine wichtige Ursache für viel Ärger und Kummer bei Kindern sein kann. Sie müssen noch so viel lernen und entdecken, über Ursache und Folge, über Recht und Unrecht. Wenn man sich die Zeit nehmen würde, Kindern öfter und länger etwas zu erklären, würde das vielleicht viel Frustration und Unverständnis verringern. Ich habe immer gelernt: Wissen gibt Ruhe. Je besser man ein bestimmtes Thema versteht und überschauen kann, desto selbstsicherer wird man, und das gibt Ruhe und Selbstvertrauen. Dies gilt natürlich auch für Kinder; sie müssen noch alles lernen und sind noch auf der Suche, z. B. nach ihrem Platz in einer Gruppe von Freundinnen oder Freunden oder innerhalb der Familie. Und überhaupt in der Welt(!)

Sie testen auch ständig alle möglichen Grenzen aus und prüfen, wie weit sie mit etwas gehen können. Deshalb ist es so wichtig, sich an das gute alte RRR zu halten: Ruhe, Reinheit, Regelmäßigkeit. Vor allem der Mangel an Konsistenz ist denke ich eine große Quelle der Frustration für Kinder. Und das zu Recht! Wenn z. B. ein Mädchen vor einem anderen vorgezogen oder unter gleichen Umständen anders behandelt wird, führt dies zu Unverständnis und damit zu Frust. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass es für Eltern/Erzieher nicht immer einfach ist, aber trotz der Tatsache, dass alle ständig mit allem Möglichen beschäftigt sind, halte ich es für sehr wichtig, immer wieder aktiv darüber nachzudenken. Kinder haben in der Regel einen starken Gerechtigkeitssinn, insbesondere wenn sie selbst benachteiligt sind.

Andererseits sehe ich auch oft, wenn Kinder ausgelassen oder fröhlich sind und deshalb als "anstrengend" und "störend" empfunden werden, dies von den Eltern auch sofort unterbunden wird. Natürlich muss man ihnen gewisse Grenzen setzen, aber lass sie eine weile Kind sein! Ab und zu schmutzig werden, auf Bäume klettern und im Wald schreien und so...
Dieses systematische Ignorieren oder sogar Unterdrücken der Emotionen von Kindern könnte als eine Art Kindesmisshandlung oder zumindest als Kindesvernachlässigung angesehen werden. Ich denke auch, dass es eine heilsame Wirkung haben kann, wenn Kinder ihre Emotionen äußern können und vor allem dürfen. Ich vermute, dass diese Kids als Erwachsene im Allgemeinen besser ausbalanciert und stabiler sein werden.

Ob es nun an Zeitmangel oder Desinteresse liegt, die für sie wesentlichen Gefühle zu ignorieren oder herunterzuspielen, ist sicherlich problematisch. Ich verstehe das auch nicht. Dann fange nicht mit Kindern an, würde ich sagen. Es ist alles so routinemäßig, eine Art Fließbandarbeit. Alles muss 'schnell schnell' gehen, wo ist die 'Quality time'? Ich bin mir sicher, dass ein wahrer Paedophiler, der viel Freizeit hat, diese Qualitätszeit wie kein anderer bieten kann.
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BeitragVerfasst: 06.12.2022, 01:26 
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SadClown 2 hat geschrieben:
01.12.2022, 20:48
Ich weine ziemlich oft und habe das auch als Kind. Ich hatte Glück, dass ich fast immer Verständnis und Empathie von meiner Umgebung bekommen habe und ernst genommen wurde. Es ist egal, ob einem Erwachsenen der Grund banal erscheint, für ein Kind ist es das nicht und das sollte respektiert werden.
Thomas hat geschrieben: [...] Ich dachte: Das könnte besser sein, und ging auf das Kind zu, fragte, was passiert sei, und fragte, ob ich seine Händchen sehen könne. Ich schätzte mit ihm ein, dass es schmerzhaft war, aber der Schaden war nicht unüberwindbar. Ich informierte ihn über die wahrscheinliche Ursache (falsche Schuhe), und wie er das also in Zukunft verhindern kann.
Er dachte sichtbar darüber nach, kam zu demselben Schluss und spielte dann wieder Fußball. Wiederum:
Kommunikation! [...]
Das hat mich gerührt und finde ich sehr schön, wie du da reagiert hast. :herz:

Ja, das hat mich selbst damals auch gerührt, vor allem die Verbindung und das gegenseitige Verständnis, welche ich spürte.
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BeitragVerfasst: 06.12.2022, 17:33 
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Thomas hat geschrieben:
05.12.2022, 22:27
Andererseits sehe ich auch oft, wenn Kinder ausgelassen oder fröhlich sind und deshalb als "anstrengend" und "störend" empfunden werden, dies von den Eltern auch sofort unterbunden wird. Natürlich muss man ihnen gewisse Grenzen setzen, aber lass sie eine weile Kind sein! Ab und zu schmutzig werden, auf Bäume klettern und im Wald schreien und so...

Dieses systematische Ignorieren oder sogar Unterdrücken der Emotionen von Kindern könnte als eine Art Kindesmisshandlung oder zumindest als Kindesvernachlässigung angesehen werden.


...


Ob es nun an Zeitmangel oder Desinteresse liegt, die für sie wesentlichen Gefühle zu ignorieren oder herunterzuspielen, ist sicherlich problematisch.

Wie du schon selbst geschrieben hast, müsste es aber schon systematisch sein. Ein endlos alberndes Kind ist tatsächlich anstrengend, viele Eltern gehen hier einen den praktischen Weg und überlegen wohl, ob es im Moment und für die kommende halbe Stunde zielführend ist, wenn sich das Kind total hochputscht. Viele Eltern finden es wirklich toll, so ausgelassene, fröhliche und laute Kinder zu sehen. Nur passt aus der Sicht des Erwachsenen der Moment nicht immer. Das ist meiner Meinung nach kein großes Problem und gehört in den Bereich der Grenzsetzung, der für Kinder ein fundamental wichtiger ist. Nichts ist schlimmer als ein grenzenlos aufgewachsenes Kind. Denn wer nie Grenzen erlebt, wird auch nie welche akzeptieren. Man stelle sich eine Gesellschaft solcher Menschen vor.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es eher Menschen niederen Bildungsgrades und niederen Einkommens sind, die ihre Kinder überbordend maßregeln, und ihre eigene Ohnmacht damit verarbeiten, indem sie Macht über ihre Kinder ausüben. Diese Macht ist dann meist sehr inkonsequent und vor allem unvorhersehbar, so dass die Kinder ebenfalls mit Ohnmachtsgefühlen aufwachsen und sich der Kreislauf wiederholt.

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BeitragVerfasst: 07.12.2022, 15:50 
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Es sei tatsächlich nicht so schwarz-weiß, wie ich es vielleicht dargestellt habe, und sicherlich gibt es glücklich viele Eltern, die sich über fröhliche, unbeschwerte Kinder freuen können. Und natürlich gibt es Momente, in denen sich die Kinder schön austoben können, und solche, in denen ein bisschen mehr Verantwortung und Ruhe gefragt wird.
Die Crux ist also, ein feines Balance zwischen schwer begrenzt und grenzenlos zu suchen.

Ich war selbst ein Kind in den Niederlanden der achtziger Jahre, und schon damals war es ziemlich verbreitet, eine liberalere und freiere Erziehung zu praktizieren, in der es mehr Raum für Emotionen und Gefühle gab; das so genannte "Kind-folgen" im Gegensatz zum "Kind-führen".
Wenn ich mir als Kind wieder einmal das Knie aufschürfte und weinend nach Hause kam, sagten die Bekannten oder Nachbarn meiner Mutter oft sofort Dinge wie: "Jungs weinen nicht", "ist das nun ein Mann!?" oder: "das macht sie hart". Dann begann meine Mutter sofort die Diskussion darüber, wie wichtig es sei, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, und dass das gut für sie (die Kinder) sei. Ein anderes bezeichnendes Beispiel für meine doch recht progressive Erziehung ist, dass ich, als ich etwa sieben Jahre alt war, eine Weile im Krankenschwesternkleid meiner Schwester (vom Karneval) herumlief. :oops:
Wenn ich jetzt im Nachhinein höre, wie viel Kritik das meiner Mutter eingebracht hat! "Das kann doch so nicht sein!", "Das ist doch kein Mädchen, oder?"). :rotfl: Ihre Antwort war damals: "Lass den Jungen doch, er mag das im Moment, es ist nur eine Phase". Zum Glück hatte sie recht, und meine "Krankenschwesterphase" dauerte vielleicht zwei Wochen, danach habe ich nie wieder nach diesem Kleid gefragt.

Also ja, die Freiheit, zu experimentieren oder Gefühle zu zeigen, ist wichtig, aber zu viel Freiheit ist auch nicht förderlich und ist auch eine Form der Vernachlässigung. Immer, wenn ich einen Film mit der guten alten Pippi Langstrumpf sehe, beschleicht mich ein Gefühl des Mitleids; Sie scheint (oberflächlich betrachtet) so glücklich in ihrem freien Dasein, aber ihr zügelloses Leben bringt ihr auch kein Glück.
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BeitragVerfasst: 08.12.2022, 09:11 
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Ich hatte auch Mitleid mit Pippi, aber heute, nach vielen Jahrzehnten Psychotherapie, "Lebenserfahrung" etc. finde ich es nur erstaunlich, was sie aus diesem Leben ohne Eltern und Fürsorge gemacht hat! Sie war glücklich und die Kinder beneideten sie.

Da hat Astrid Lindgren ein Meisterwerk geschaffen.

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Du allein warst mein Beschützer, Inhalt meines Lebens.
Du warst mir ein Freund und Vater. Ich liebe dich.
:herz:
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BeitragVerfasst: 08.12.2022, 10:13 
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Leni hat geschrieben:
08.12.2022, 09:11
Ich hatte auch Mitleid mit Pippi, aber heute, [...] finde ich es nur erstaunlich, was sie aus diesem Leben ohne Eltern und Fürsorge gemacht hat! Sie war glücklich und die Kinder beneideten sie.
Da hat Astrid Lindgren ein Meisterwerk geschaffen.
Zunächt mal ist Pippi Langstrumpf eine Kunstfigur, die in ein Milieu geworfen ist, das dem heilen Lebensraum der Kinder der 60er Jahre ähnlich sieht, und in dem sich die jungen Leser/innen wiederfinden. Pippi ist also ein Fremdkörper, der sich nicht integrieren will. Wo sie auftaucht, gibt es Chaos, Spaß und viele bunte Bonbons.
Sie verkörpert die Antithese zum geregelten Leben der Kinder dieser Zeit. Der Verlust an Sicherheit in ihrer Gegenwart wird kompensiert durch ihre übernatürlichen Fähigkeiten. Die Kinder können sich also auch noch im Chaos sicher fühlen.
Als Kind hatte ich beim Gucken der Serie und beim Lesen des Buches immer den Eindruck in Ferien zu sein: Keine Zwänge mehr und ein Abgleiten ins Chaos, das völlig ungefährlich war, so wie wir in den Ferien früher auf den Dünen der Nordseeküste herumtollten, unfallfrei, weil der Sand sehr weich war.

Aber damit war es das auch mit der Chaos-Herrlichkeit. Stets wenden sich die Pippi-Langstrumpf-Geschichten in der Weise, dass am Ende die Ordnung wiederhergestellt ist. Die geärgerten Erwachsenen sind versöhnt und abends gehen die Kinder brav ins Bettchen. Nie wird etwas gefährlich und die Zerstörung der Ordnung ist eher ihre elastische Dehnung, die den Kindern hilft, sich mit ebendieser Ordnung zu versöhnen.

Ganz anders ist dagegen das Werk der ebenfalls schwedischen (genauer: finnlandschwedischen) Autorin Tove Jansson (1914 - 2001), die ich bis heute verehre. Ihre Mumintroll-Familie ist das genaue Gegenteil des Settings von Astrid Lindgren. Die Trollfamilie lebt in einer anarchischen Familie, in der auch mal sinnlose Dinge ausprobiert werden und in der die Eltern Schutz und emotionale Nähe geben, aber keine Autorität im Sinne von Macht haben. Das war das genaue Gegenteil von meiner eigenen Lebenswelt. Bei den Mumins kann es auch mal zu lebensgefährlichen Situationen kommen, die dann bestanden werden müssen. Die exzentrischen Figuren passen sich nicht an, sondern werden in ihrer Differenz stehen gelassen.

Es gibt wenige Bücher die so "mitwachsen", dass man sie in jedem Alter lesen und daraus Gewinn ziehen kann. Tove Janssons Werk kann das, Astrid Lindgrens nicht.

Ich erinnere mich an eine Zeit im Grundschulalter, als ich plötzlich keine neuen Muminbücher mehr bekam. Meine Eltern schwadronierten von einer fürchterlich schlechten Übersetzung - so blieb es bei den drei Romanen und einem Comic.
Bis in meine 40er Jahre hatte ich keine weiteren Mumin-Romane mehr gelesen. Irgendwie stand die "schlechte Übersetzung" als Warnschild dazwischen. Warum?
Ich bin sicher, dass es daran lag, dass sich Tove Jansson schon früh dazu bekannt hatte, lesbisch zu sein und meine Eltern davon Wind bekommen hatten.
Heute habe ich natürlich alle "Mumin-Bücher" in den verfügbaren Übersetzungen (Bandler und Kicherer) und nach 35 Jahren Lesepause konnte ich dann wieder eintauchen in diese ebenso fremde wie vertraute Welt.

Aber ich schweife ab. Um den Faden wieder aufzunehmen: Jansson nimmt die Leser/innen ernst, egal wie alt, und lässt ihre Trollfamilie mit ihnen gewissermaßen ohne Aufsicht spielen. Lindgren hat dagegen eine in dialektischer Wendung im Chaos stets präsente Ordnung und Moral, die am Ende unangetastet bleibt. Beide haben erfolgreiche Kinderbücher geschrieben, aber ihr Umgang mit den Gefühlen von Kindern ist absolut gegensätzlich. Jannsons Werke wachsen mit, aus Lindgrens Werken ist man irgendwann herausgewachsen.

Sakura

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Am Anfang war die Tat.
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BeitragVerfasst: 08.12.2022, 12:07 
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WOW! Was für ein Aufsatz :D

Die Mumins kannte ich garnicht.

Aber zum Thema "aus Pippi Langstrumpf wächst man raus":

https://www.youtube.com/results?search_query=lotta+esel+jonny+

Ich bin nie rausgewachsen und habe das auch mit meinen Kindern weitergelebt und mich "im Zweifel für die Kinder" und nicht für die Erwachsenen entschieden, die mir angedroht haben, dass diese mir einmal "auf dem Kopf herumtanzen werden".

Ist vielleicht etwas schwerer, immer alles "auszudiskutieren" :wink: , anstatt "Nein, ich will das aber so!" zu brüllen, aber anders kann ich halt nicht. :roll: Ich habe zu sehr unter meiner "Erziehung" gelitten. :(

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