Dann verglich ich den deutschen und den englischen Artikel "Helmut Kentler" miteinander und sah, dass dies im englischen Artikel geschrieben steht und im deutschen nicht.
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The New Yorker - https://www.newyorker.com/magazine/2021/07/26/the-german-experiment-that-placed-foster-children-with-pedophiles?utm_source=chatgpt.com
(leider scheint für Deutsche eine Paywall vor dem Artikel zu liegen, im englischen Forum können die User den Artikel lesen)
Kentler scheint seine Ansichten im fortgeschrittenen Alter teilweise revidiert zu haben und bezeichnete Pädophilie als „sexuelle Störung“. Dies war jedoch eine späte und begrenzte Kursänderung und keine vollständige oder bedeutsame Abkehr von den Theorien, die er jahrzehntelang verteidigt hatte. Es ist auch wichtig zu erwähnen, dass Kentlers Projekt nicht abstrakt auf „Kindern“ basierte, sondern auf einer sehr spezifischen Bevölkerungsgruppe: weggelaufenen, obdachlosen und besonders schutzbedürftigen Jungen in West-Berlin. Vorwiegend Jungen, weil Kentler sich ideologisch und institutionell bereits auf diese Bevölkerungsgruppe konzentrierte. Diese Gruppe hatte er über Jugendhilfeeinrichtungen erreicht, und sie passte zu seiner Theorie, dass problematische Jungen angeblich so dringend eine „väterliche“ männliche Bindung benötigten, dass sexuelle Ausbeutung als Fürsorge umgedeutet werden könne. Jungen ließen sich zudem leichter in informellen Betreuungen bei alleinstehenden Männern unterbringen, ohne die gleiche sofortige Aufmerksamkeit zu erregen, die die Unterbringung von Mädchen bei alleinstehenden erwachsenen Männern wahrscheinlich ausgelöst hätte. Mit anderen Worten: Er hielt Mädchen nicht für sicherer. Er lag daran, dass schutzbedürftige Jungen leichter zugänglich, leichter zu rationalisieren und leichter innerhalb des Systems zu verstecken waren, zu dem er Zugang hatte. [Deutsche Welle - https://www.dw.com/en/berlin-authorities-placed-children-with-pedophiles-for-30-years/a-53814208?utm_source=chatgpt.com]
Kentlers Argumentation basierte auf „Vaterlosigkeit“, Jugendkriminalität und der Behauptung, Jungen bräuchten insbesondere männliche Autorität, Bindung und Zuwendung. Dadurch rückten Jungen in den Mittelpunkt seiner pseudopädagogischen Argumentation.
Sein späterer Kurswechsel scheint teilweise durch öffentliche Kritik ausgelöst worden zu sein, aber nicht primär. Er wurde bereits vor den 1990er-Jahren kritisiert, angefeindet und öffentlich infrage gestellt, doch das brachte ihn nicht wesentlich zum Umdenken. Noch 1988 verteidigte er die Unterbringungen als „vollen Erfolg“, und selbst Anfang der 1990er-Jahre setzte er sich noch für diese Pflegeväter ein. Dies deutet stark darauf hin, dass die öffentliche Kritik allein nicht den Kurswechsel bewirkte.
Vielmehr scheint eine persönliche Krise ausschlaggebend gewesen zu sein. Sein Wendepunkt scheint der Selbstmord seines jüngsten Adoptivsohnes im Jahr 1991 gewesen zu sein. Danach erklärte Kentler ausdrücklich, er habe begonnen, sein bisheriges Unverständnis der psychologischen Folgen von Missbrauch zu überdenken. Später gab er zu, Sándor Ferenczis Arbeit über sexuelles Kindestrauma zu spät gelesen zu haben und räumte ein, grundlegend nicht begriffen zu haben, wie sexuell ausgebeutete Kinder den Missbrauch internalisieren, dissoziieren und sich mit dem Täter identifizieren. Dies scheint der deutlichste Beweis für eine echte Neuorientierung seiner Denkweise zu sein. [The New Yorker - https://www.newyorker.com/magazine/2021/07/26/the-german-experiment-that-placed-foster-children-with-pedophiles?utm_source=chatgpt.com]
Er distanzierte sich von der Vorstellung, dass sexueller Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern harmlos sein könne, solange er nicht erzwungen werde. Offenbar akzeptierte er, dass sexueller Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern von Natur aus ungleich und psychisch schädlich ist, da Kinder Erwachsenen nicht auf Augenhöhe begegnen können. [The New Yorker]
Ab 1999 bezeichnete er Pädophilie als „sexuelle Störung“, was einen deutlichen Bruch mit seiner früheren Normalisierungsrhetorik darstellte. [Wikipedia] Auch die Traumadynamik scheint er nun stärker an die Ansichten seiner Kollegen angeglichen zu haben: Kinder unterwerfen sich, passen sich an oder wirken fügsam, nicht weil sie einwilligen, sondern weil Missbrauch Abhängigkeit, Bindung und Selbstschutz beeinträchtigt. Dies stand im direkten Widerspruch zu seinem früheren Ansatz. [The New Yorker]
Sein später Kurswechsel scheint eine teilweise intellektuelle Korrektur gewesen zu sein, die weniger durch öffentliche Empörung als vielmehr durch persönlichen Verlust und die späte Auseinandersetzung mit der Traumaforschung bedingt war.